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Dokument Heinrich Förster an Leo Thun
Breslau, 16. Juni 1859
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D508
Regest

Der Fürstbischof von Breslau, Heinrich Förster, übersendet Leo Thun ein Schreiben von einem nicht näher genannten Beamten aus Berlin. Gleichzeitig nützt er die Gelegenheit, um auf die Situation der Protestanten und Katholiken in Österreich und Preußen einzugehen. Dabei spricht er den Wunsch aus, dass die katholische Minderheit in Preußen wenigstens so gut behandelt werde, wie dies die protestantische Minderheit in Österreich wird. Gleichzeitig glaubt er, dass die Protestanten in ihren Ansprüchen nie vollkommen zufriedengestellt werden können, da jene ihre Forderungen ständig ausweiteten.
In der Beilage warnt der nicht genannte Schreiber vor einer Berufung des deutschen Kanonikers Emil Richter als Berater nach Wien. Richter sei seiner Ansicht nach nicht der richtige Mann zur Neuordnung der protestantischen Kirche in Österreich. Überdies sei Richter als Gegner des kürzlich abgeschlossenen Konkordats bekannt. Der Schreiber bittet daher Fürstbischof Förster, seine Bedenken in Wien bekannt zu machen.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Abschrift eines Briefes eines nicht näher genannten Beamten aus Berlin an Heinricht Förster. Berlin, 10. Juni 1859.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Hochgebender Herr Minister,
    Hochgeborener Herr Graf!

    In Anlage beehre ich mich Euer Excellenz eine getreue Abschrift des Schreibens eines wohlmeinenden höheren katholischen Staatsbeamten aus Berlin ganz ergebenst zu übersenden.1
    Da ich, fern von konfessioneller Engherzigkeit, diesen Schritt nur aus reiner Liebe zur Sache thue, so fürchte ich nicht, daß er mir von Euer Excellenz als unberufene Andringlichkeit oder als Anmaßung ausgelegt werden wird.
    Ich erlaube mir dieser ergebensten Mittheilung noch folgende aphoristische Anmerkungen beizufügen.
    Durch eine 35jährige kampfreiche Amtsführung habe ich die kirchlichen Zustände in Preußen kennen gelernt, bin nun auch seit nahezu 6 Jahren Bischof in Östreich und kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich sehr zufrieden sein würde: wenn die Katholiken in Preußen, wo sie die kleinere Hälfte bilden, die selben Rechte ungeschmählert besäßen, welche die Protestanten in Östreich haben, wo sie ein Minimum bilden.
    Auch ist es gewiß, daß die Protestanten den Katholiken gegenüber nie zufrieden gestellt werden können und in dem Grade ihre Ansprüche erhöhen als dieselben Gewähr finden.
    Ferner dürfte man in der Berathung eines protestantischen Oberkirchenrathes in Berlin mehr ein Zeichen der Schwäche und Lamoiranz als des freien Entschlußes seitens Östreichs sehen.
    Endlich wird dieser Schritt nicht verborgen bleiben und seine Einwirkung auf die Katholiken Deutschlands kein günstiger sein.
    Vergeben mir Hochdieselben meine redlich gemeinte Offenheit und genehmigen Euer Excellenz den erneuerten Ausdruck der größten Verehrung, mit welcher ich verharre

    Euer Excellenz

    gehorsamster
    Heinrich
    Fürstbischof

    Breslau, d. 16. Juni 1859

    In aller Eile theile ich im engsten Vertrauen mit, wie mir heute in zuverläßigster Weise bekannt wird, daß die östreichische Regierung behufs Regulirung der Verhältnisse der Protestanten unseren bekannten Canonisten, meinen jetzigen Collegen Professor Richter (er ist jetzt Justitiar in der evangelischen Abtheilung) zu Rathe gezogen hat und daß ein Gutachten desselben sich in den Händen des Erzherzogs Albrecht befindet, welches sich speziell auf Ungarn bezieht. Richter ist jedenfalls ein Ehrenmann und sollte mal ein Protestant hier Rath ertheilen, so ist die auf ihn gefallene Wahl eine gute. Aber er ist doch – wie dies die beiden letzten Ausgaben seines Kirchenrechts2, die 4. und 5. dem Kenner zeigen – wenn auch milder als andere, so doch weit entfernt von einer klaren und correkten Auffassung des Verhältnisses der Confessionen unter sich und zum Staate. Wie kann er auch anders als vieljähriges Mitglied des Oberkirchenrathes und des dort gegen uns mit tiefem Plane geführten Kampfes? Er mag nicht zu den allerlebhaftesten Antipoden des Conkordates gehören: aber ein Gegner desselben ist er mit allen übrigen Protestanten und vielen unklaren Katholiken. Erwäge ich nun, wie man in Wien in der jetzigen Lage doppelt imponirt sein mag von dem Conkordatssturme und den Confessionsforderungen für die Protestanten, die in allen deutschen Blättern, unter denen kaum noch ein katholisches ist, täglich und stündlich repetirt werden, so muß ich um so mehr besorgen, daß man sich dort übereilte – zumal dieselbe Presse kein Maaß findet in dem Lobe der goldenen Lage der Katholiken in Preußen. Indem möge sein volles Recht werden, aber nicht dem einen Theile allein, während der andere in so vielen Theilen Deutschlands in Ketten liegt. Wir kennen die Verhandlungen in Holstein etc.
    Nur Ihnen, hochwürdigster theuerer Gönner, kann ich diese Notiz geben: denn ich wüßte Niemand, der sonst in der Lage wäre, in Betreff Wiens orientirt zu sein, um etwa Vorsicht empfehlen zu können.

    Berlin, den 10.6.[18]59