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Dokument Heinrich Förster an Leo Thun
Breslau, 4. November 1855
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D348
Regest

Fürstbischof Heinrich Förster berichtet dem Minister, dass der Direktor des Teschener Gymnasiums ihn mehrmals um die Entfernung des Lehrers Florian Lukas gebeten hat, der durch anonyme Briefe die geistlichen Lehrer des Gymnasiums verleumdet hatte. Förster bittet daher um eine kurze Mitteilung, was in der Sache geschehen soll.
Im beigelegten Schreiben von Direktor Philipp Gabriel an Heinrich Förster beklagt sich jener, dass das anonyme Schreiben, in welchem er und andere Lehrer verleumdet wurden, mittlerweile auch in der Öffentlichkeit bekannt geworden sei. Er deutet dies als weitere Verschwörung der Verleumder gegen die katholische Kirche. Das Ansehen der Lehrer bei der Bevölkerung und insbesondere bei den Schülern leide sehr darunter. Er bittet den Bischof daher den Schreiber schnellstmöglich zu enttarnen und ihn und seine Helfer aus dem Gymnasium zu entfernen, da sonst der Schaden nicht nur für das Gymnasium, sondern für ganze katholische Kirche nur noch größer werde.

Beilagen, Anmerkungen

Der Brief ist gemeinsam mit weiteren Briefen, die dieselbe Thematik betreffen, abgelegt:
Heinrich Förster an Leo Thun. Schloss Johannesberg, 10. September 1855.
Andreas Wilhelm an Leo Thun. Krakau, 15. September 1855.
Andreas Wilhelm an Rudolph Kink. Krakau, 15. September 1855 .
Heinrich Förster an Leo Thun. Schloss Johannesberg, 11. Oktober 1855.

Beilage: Philipp Gabriel an Heinrich Förster. Teschen, 1. November 1855.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Hochgebietender Herr Minister,
    Hochgeborener Her Graf!

    In der betrübenden Teschner Angelegenheit bin ich seither von dem Direktor Gabriel in Wahrheit mit einer Fluth von Klagen, Hilferufen und Bitten überschwemmt worden. Die neueste gestern empfangene scheint mir der Art, daß ich es Euer Excellenz nicht ersparen kann, Hochdieselben damit zu belästigen und um Abhilfe dieser Übelstände, namentlich aber um Amotion jenes früher bezeichneten Lehrers ganz gehorsamst zu bitten, von welchem die anonymen Briefe ausgegangen sind und dem jedes Mittel recht zu sein scheint, sein Ziel – die Amotion der Priester und namentlich des Gabriel vom Gymnasium – zu erreichen.
    Eine, wenn auch noch so kurze Notiz von dem, was in dieser Sache geschehen wird, würde mich sehr beruhigen als dankbar verpflichten.
    Genehmigen Hochdieselben den Ausdruck der besonderen Verehrung, mit welcher verharrt

    Euer Excellenz gehorsamster Diener
    Heinrich
    Fürstbischof

    Breslau den 4. November 1855

    Hochwürdigster Fürstbischof!
    Gnädigster Herr!

    Mit tiefer Betrübnis gebe ich Euer Fürstbischöflichen Gnaden bekannt, daß Teschen von der Thatsache erfüllt ist: die katholischen Priester am Gymnasium seien sowol bei Seiner Excellenz dem k.k. Cultusminister als auch bei Euer Fürstbischöflichen Gnaden verklagt; ebenso wurde der Innhalt des anonymen Schreibens in öffentlichen Häusern bereits kund gegeben. Dies meldeten mir heute der Katechet Sobetzki und der Lehrer Danel.
    Da ich bis jetzt von dem mir auf vertraulichen Wege bekannt gewordenen Innhalte des anonymen Schreibens gegen Niemand Erwähnung gemacht habe, so muß der Schluß nahe liegen, daß der Verfasser selbst oder einer der Helfershelfer – denen der Erfolg zu lange ausbleibt – den Innhalt des Schreibens absichtlich zur Kenntnis der Bevölkerung gebracht haben, um die Erbitterung gegen die katholischen Priester am Gymnasium in speciel zu entflammen und – durch die consequente Fortsetzung der revolutionären Handlungsweise – den Sieg endlich doch über dieselben – inmitten der Protestanten, im Angesichte der katholischen Bevölkerung und was flucherregend erscheint, vor der Jugend, bestehend aus einigen tausend großen und kleinen Schülern, beiderlei Geschlechtes – davonzutragen!
    Unter den genannten Umständen, da die Schandthat von außen an uns dringt, habe ich heute die beteiligten Priester mit dem Sachverhalte bekannt gemacht. Sie erkennen in der infernalen Bosheit des Verfassers zugleich die destructive Tendenz deßelben in sittlicher und religiöser Beziehung und erklären: „Daß der Sittlichkeit und Religiosität der Jugend und katholischen Bevölkerung hohe Gefahr drohe, wenn nicht der Verfasser – sogleich von Teschen übersetzt wird, welcher überdies kaum solche freventliche, die Zwecke des Staates und der Kirche untergrabende Schritte gewagt haben würde, hätte derselbe nicht auf die Gunst und den Schutz des vorgesetzten Herrn Schulrates – vermeßentlich gesündiget. In diesem Verhältnisse und in dem von heftiger Leidenschaft und Haß gegen den katholischen Clerus erfüllten Character des Verfassers liegt die tiefste Wurzel der Schandthat.“
    Die besseren Bürger der Stadt, so wie die Staatsbeamten sind über die maßlose Schlechtigkeit sehr indigniert; Niemand ahnt jedoch noch, daß der Verfasser zugleich ein Mitglied des katholischen Lehrkörpers ist.
    Es ist bei den genannten Umständen aus Rücksichten der religiös-sittlichen Erziehung der Jugend im Angesichte der Bevölkerung dringend geboten, daß Euere Fürstbischöflichen Gnaden, als Oberhirt dieses Anteils, die allsogleiche Versetzung und Entfernung dieses Lehrers von Teschen postulieren und wenn – aus persönlichen Rücksichten noch Verzögerungen eintreten sollten – aus unverschiebbaren Dringlichkeitsgründen, diese systematische Revolution, wegen ihrer bedeutungsvollen Tragweite für den Staat und die Kirche, zunächst aber wegen der destructiven Tendenz, zur unmittelbaren Kenntnis Seiner k.k. Apostolischen Majestät bringen. Es kann solch ein extremer Fall sich kaum wieder im Umfange der Monarchie ereignen!
    Sollten Euere Fürstbischöflichen Gnaden des Seelenheiles der Hochihrem Schutze anvertrauten Priester und Diöcesanen wegen, so wie aus Rücksichten für das katholische Gymnasium, der einzigen Pflanzschule des diesseitigen Clerus, selbst eine Reise nach Wien unternehmen müssen; so mögen Sie, Hochwürdigster Fürstbischof, dieses Opfer, des erhabenen Zweckes und der Zukunft wegen, im Hinblicke auf die religiös-sittliche Bildung der Generation, nicht scheuen. Der Herr wird Ihnen dafür segensreich edle Früchte heranreifen lassen!
    Die katholischen Priester des Gymnasiums halten den bezeichneten Weg für den besten und schnellsten, weil Gefahr im Verzuge liegt; sie nehmen jedoch keinen Anstand, selbst den Weg der Öffentlichkeit zu betreten, wenn Euere Fürstbischöflichen Gnaden gestatten, daß sich dieselben auf das hohe Ordinariatsschreiben vom 8. Oktober berufen dürfen, in welchem der Verfasser des anonymen Schreibens aus der vorgelegten Handschrift unbezweifelt erkannt wurde. Im letzteren Falle würde jedoch hier großes Aufsehen und Parteienhaß erregt werden und eine Verletzung des Herrn Schulrates – den wir Alle hoch schätzen – unvermeidlich sein, auch, unbezweifelt, viele persönliche Reibungen für die Zukunft herbeiführen.
    Daß ein energisches Einschreiten bei einzelnen auffälligen Erscheinungen nicht statt fand, wird wol erklärlich sein, wenn bedacht wird, daß die ganze Zukunft eines Professors von dem Vorgesetzten abhängt und ich es jederzeit als unlöblich für den katholischen Priester erachtet habe, denselben in irgend einer Weise amtlich unangenehm zu berühren, was offenbar unvermeidlich gewesen wäre. Euer Fürstbischöflichen Gnaden aber steht in Erziehungsangelegenheiten der katholischen Schulen in der Diöcese das Recht und die Pflicht zu, rücksichtslos, auf Grund der constatierten Thatsachen, einzuschreiten und somit von den katholischen Priestern, als Untergebenen bei der Schule – eine Calamität von Seite des Schulrates – abzuwenden.
    Aus den oben bezeichneten Gründen ist es daher dringlich notwendig, daß für den Führer dieser – seit Jahren eingeleiteten systematischen Revolution gegen den katholischen Clerus, mit dem Zwecke die katholischen Institute aufzulösen oder mit dem evangelischen Gymnasium in Teschen zu vereinigen – ein Lehrer für Latein, welcher zugleich in der katholischen Richtung erprobt ist, hieher schleunigst berufen, derselbe aber angewiesen werde, Teschen sogleich zu verlassen. Könnte eine solche Berufung auch für den Lehrer S., welcher eben auch Latein lehrt geschehen, da derselbe in diese Angelegenheit mitverflochten ist – den kein Piaristenrector wegen gleicher Zerwürfnisse in seiner Familie dulden wollte, der viel Unheil über unzählige Personen in und außer dem Orden gebracht hat; – dann glaube ich, dürfte der Herd des schmachvollen Zerwürfnisses, gleich hemmend für den wissenschaftlichen als sittlich-religiösen Fortschritt der Jugend, für die Gegenwart gesprengt sein!
    Indem die katholischen Priester Bitta, Danel, Sobetzky mit dem Gefertigten ihre zur Beseitigung dieses gewiß beklagenswerten Ereignisses unerläßliche Bitte Euer Fürstbischöflichen Gnaden ehrfurchtsvollst unterbreiten, empfehlen sich dieselben zu weiteren Gnaden mit der Versicherung, daß sie jederzeit dem Berufe treu und würdig vorgehen werden.
    In demutsvoller Ergebenheit verharret

    Euer Fürstbischöflichen Gnaden
    unterthänigster
    Dr. Gabriel
    pr. Director des kth. Gymnas. u. [?] [?] adligen Convictes

    Teschen am 1 November 1855