Info

Dokument Heinrich Förster an Leo Thun
Schloss Johannesberg, 11. Oktober 1855
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D348
Regest

Fürstbischof Heinrich Förster wendet sich erneut in der Angelegenheit des Teschener Gymnasiums an Leo Thun. Er teilt dem Minister mit, dass die Anschuldigungen genauestens geprüft worden seien. Dabei konnte festgestellt werden, dass die Verdächtigungen bis auf zwei Ausnahmen unwahr seien. Die Anschuldigungen gegen Johannes Kapinus und Joseph Paduch würden allerdings leider zutreffen. Paduch wurde bereits zur Resignation aufgefordert, er versucht sich jedoch noch dagegen zu sträuben. Förster glaubt, dass Paduch sicher auch bei Thun vorstellig werden wird. Als den anonymen Schreiber will Förster den Lehrer Florian Lukas identifiziert haben. Dieser und andere weltliche Lehrer wollten damit offenbar ihre geistlichen Kollegen diffamieren. Trotz der weitgehenden Klärung des Falls glaubt Förster, dass es am besten wäre, das Gymnasium den Jesuiten anzuvertrauen. Schließlich warnt Förster den Minister noch vor zwei Lehrern, Künzer und Hartwig, die sich um Stellen in Österreich bewerben möchten. Diese seien aber weder in wissenschaftlicher noch moralischer Hinsicht dafür geeignet.
Im beigelegten Brief von Philipp Gabriel erklärt dieser alle Anschuldigungen gegen ihn als Verleumdung des Lehrers Florian Lukas. Dieser wolle nämlich alle geistlichen Lehrer vom Gymnasium vertreiben. Er sieht darin eine Fortsetzung der antireligiösen Strömungen des Jahres 1848 und einen Angriff auf die katholische Kirche insgesamt. In der Folge versucht er, die Anschuldigungen gegen ihn und andere geistliche Lehrer zu entkräften.

Beilagen, Anmerkungen

Der Brief ist gemeinsam mit weiteren Briefen, die dieselbe Thematik betreffen, abgelegt:
Heinrich Förster an Leo Thun. Schloss Johannesberg, 10. September 1855.
Andreas Wilhelm an Leo Thun. Krakau, 15. September 1855.
Andreas Wilhelm an Rudolph Kink. Krakau, 15. September 1855 .
Heinrich Förster an Leo Thun. Breslau, 4. November 1855.

Beilage: Philipp Gabriel an Heinrich Förster. Teschen, 4. Oktober 1855. Als Beilage zu diesem Brief von Gabriel sind wiederum einige Schriftproben von Florian Lukas beigelegt.1

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
License eXist-db

Transkription

    Hochgebietender Herr Minister,
    Hochgeborener Graf,
    Gnädigster Herr!

    Ich würde fürchten müssen, recht unbescheiden zu erscheinen, wenn ich schon wieder mit meinen Angelegenheiten mich in den Kreis Euer Excellenz vielfacher Sorgen dränge, hätten mir Hochdieselben nicht genügend bewiesen, mit welcher gewissenhaften Treue auch diesem Theile Euer Excellenz weiter Verwaltung Ihre Aufmerksamkeit zugewendet ist.
    Eine mit aller Genauigkeit geführte Untersuchung in Anklagesachen des bewußten anonymen Schreibens,2 welches zurückzusenden ich mir ergebenst gestatte, hat unzweifelhaft dargethan, daß bis auf zwei Persönlichkeiten, die darin beschimpften Männer, unter denen sich sehr würdige Priester befinden, in der schmählichsten Weise verläumdet worden sind.
    Die beiden mit Wahrheit angegriffenen Persönlichkeiten sind Kapinus, dessen Untersuchungssache Euer Excellenz bekannt ist; und Paduch, der Fürstbischöfliche Commissarius in Teschen. Dieser Unglücksmann, der sich außerdem gar nicht für die wichtige Stellung in Teschen, am allerwenigsten für die eines Curators des Gymnasiums daselbst qualifizirt, ist sonst ein fleißiger und bisher in seinem Rufe unbescholtener Mann. Vor etwa 12 Jahren hat er sich in einer schwachen Stunde mit einem verschmitzten Frauenzimmer, die es darauf angelegt hat, vergessen, ist seit dieser Zeit von ihr auf das unerhörteste ausgesogen worden – bis endlich die Sache zur förmlichen Öffentlichkeit gekommen ist. Ich habe ihm angekündigt, daß er das Commissariat niederlegen und sein Benefizium resigniren müsse. Der Mann ist in förmlicher Verzweiflung und thut alle Schritte, sich dort zu erhalten. Wahrscheinlich wird er auch bei Euer Excellenz vortreten, mir mindestens ist mein Vorgehen in dieser Sache gegen Paduch bereits als unerhörte Härte ausgelegt worden.
    Von Gabriel läßt sich nichts erweisen. Die ihm näher stehen, auch gewissenhafte unparteiische Priester, wie Dr. Wache, können in seinem Verhältnisse zu der verfolgten Wirthin etwas Anstößiges nicht finden. So weit indeß ist sicher, daß seine Haltung priesterlicher sein könnte und daß es klug wäre, wenn er die vielbesprochene Haushälterin längst entlassen hätte – wie ich ihm auch sehr ernst und nachdrücklich insinuirt habe. Wie er selber die Sache ansieht, wollen Euer Excellenz aus seinem beiliegenden Schreiben an mich gütigst entnehmen , in welchen zugleich durch die angeschlossenen Schriften unzweifelhaft – wie mir scheint – dargethan wird, daß der Schreiber das anonymen Briefes der Lehrer Lukas am Gymnasium in Teschen ist; wie sich denn überhaupt immer sicherer herausstellt, daß das ganze Pasquil- und anonyme Briefschreiben und alle Intriguen gegen Dr. Gabriel und die geistlichen Lehrer von den weltlichen Lehrern unterhalten werden.
    Möge Gott helfen und Eurer Excellenz treue Sorgfalt. Die Übergabe des Gymnasiums an die Jesuiten muß ich auch jetzt noch für das beste Mittel erachten.
    Schließlich wollen mir Euer Excellenz noch die ergebenste Bemerkung gestatten, daß wenn Dr. Künzer aus Breslau und ein gewisser Lehrer Hartwig aus Schlesien sich wegen Aufnahme an einem Gymnasium in Östreich bei Euer Excellenz melden sollten, dieselben am besten sofort abzuweisen wären. Weder ihre wissenschaftliche noch sittliche Führung macht sie empfehlenswerth.
    Indem ich Gott bitte, daß Er Euer Excellenz in seinem Allerheiligsten Schutze erhalte und bewahre, verharre ich mit der Gesinnung der treusten und herzlichsten Verehrung

    Euer Excellenz gehorsamster Diener
    Heinrich
    Fürstbischof v. Breslau

    Schloß Johannesberg, den 11. Oktober 1855

    Hochwürdigster Fürstbischof!
    Gnädigster Herr!

    Gestern wurde mir von dem Hochwürdigen Fürstbischöflichen Generalvicar im strengsten Vertrauen der unerhörte Innhalt eines anonymen Schreibens an Euere Fürstbischöfliche Gnaden bekannt gegeben. Dieses Schreiben hat Lukas zum Verfasser, welches aus dem Zusammentreffen aller Umstände hervorgeht. Um die Handschrift zu erkennen lege ich einiges von derselben bei. Diese teuflische Bosheit wütet gegen mich seit meinem Hiersein, weil man alle katholischen Priester vom Gymnasium vertreiben will. Es ist dieses complotartige Unternehmen der fortgesetzte Kampf der Irreligiosität vor 1848, welcher den Fürstbischöflichen Comissär und Sobetcki erhängen wollte, der sich mit Kossuth verband und den Aufruhr offen predigte, in den Oktobertagen bewaffnet nach Wien zog – aber zurückgeworfen wurde.
    Ich stehe im Augenblicke zu sehr unter dem Einfluße einer heftigen Nervenerschütterung, um die Ursachen dieser Irreligiosität constatiert niederzuschreiben und Euer Fürstbischöflichen Gnaden zu übergeben und berichte nur rücksichtlich des Stiftes, daß es bei 25 Knaben und Jünglingen aus Reinlichkeitsrücksichten, der Haushaltung und Einkaufes, einer erfahrenen Pflegerinn bedurfte. Die genannte Frau ist 45 Jahre alt, kinderlos und lebt von ihrem Jahreseinkommen von 360 fcm. Sie ist unbescholten, opferwillig und genügsam. Die Personen des Haushaltes wohnen unten, die Vorsteher des Conviktes mit den Zöglingen im obern Teile des Hauses. Jedes Zusammenkommen bei der getroffenen Regelung ist beseitiget. Prof. Danel und Sobetzky werden mein Verhalten als Vorstand einer Erziehungsanstalt eidlich angeben und das k.k. Landesgericht als Obercuratelsbehörde darüber aussagen können. Ich mache, da ich der Ehre und dem Zwecke alles zu bieten im Stande bin, unterm heutigen Tag, die Anzeige an das k.k. Kreisgericht, daß vom 1. Jänner 1856 die Verrechnung und Besorgung der Verköstigung mir abgenommen und ämtlich eingeleitet werde. Daß dieser Vorgang zum Schaden der Anstalt sein wird, ist sicher, da wol Niemand uneigennütziger wirken könnte und wirken wird, als derjenige, der sich für das erhabene Ziel opfert. Diesem ungezügelten Streben die Kirche Gottes zu untergraben, indem die Priester derselben bei der Achillesferse des katholischen Clerus gefasst werden, ist schauderhaft. Auf diese Weise kann der größte Teil der Geistlichkeit an den Pranger gebracht und das entschiedene Wirken deßelben – welches nicht berührt wird – aufgehoben werden.
    Gott wird sein Werk schützen und mir Kraft geben die Wahrheit zum Heile der Kirche auszusprechen.
    Obgleich ich bis jetzt wie ein Eremit gelebt habe, beschäftigt von früh bis Abend mit meiner Aufgabe am Gymnasium und im Convikte, so werde ich und will ich, um die Beweisführung gegen die Irreligiösen zu vollenden, noch abgesonderter leben. Wenn Lukas nicht versetzt wird, wird auch dann noch keine Ruhe sein. Man fürchtet schon jetzt das Übergewicht der kath. Richtung, für welche fast alle Schüler und alle besseren Eltern gewonnen sind; durch 2 Jahre ist kein Abiturient bei der Maturitätsprüfung gefallen; das spricht doch wol für die Leistung des Gymnasiums?
    Gott stärke und erleuchte mich!
    Verzeihen der Hochwürdigste Fürstbischof meinem flüchtigen Schreiben, welches unter den bittersten Gefühlen geschrieben ist. Verlassen Uns der Hochwürdigste Fürstbischof nicht, es ist der Vorfall ein Hauptangriff auf den Katholicismus, bei welchem die antikatholische Partei des katholischen Lehrkörpers so wie die Protestanten beteiliget sind.
    Mit dem Ausdrucke der tiefsten Ehrfurcht zeichnet sich

    Euer Fürstbischöflichen Gnaden tief ergebenster
    Dr. Gabriel

    Teschen am 4. Oktober 1855