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Dokument Alois Flir an Leo Thun
o. O. [Rom], o. D. [29. Juli 1858]
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D462
Regest

Alois Flir, Rektor der Kirche Santa Maria dell' Anima in Rom, erklärt die offenen und unverblümten Worte, die er in seinem Dankschreiben für seine Ernennung zum Auditor der Römischen Rota an den Kaiser gewählt hat. Dabei geht es besonders um seine Aussage, er werde Mühe haben, sich mit dem prunkvollen Formalismus der Rota zu arrangieren und sich der geheimen Kabalen zu erwehren. Als er dies schrieb, hatte er vor Augen, dass seine Wohnung in der Anima großen Umbaumaßnahmen unterworfen werden müsse, um dem Zweck der Repräsentation und den formalen Ansprüchen der Rota zu genügen. Hinsichtlich der Kabalen wollte er andeuten, dass bereits mehrfach versucht worden sei, ihn von seiner Stellung als Leiter der Anima zu vertreiben. Wenn er nun gleichzeitig auch Auditor der Rota sei, so wäre das vielleicht in Zukunft noch öfter der Fall. Als Grund für diese Intrige gegen ihn und den Kaplan Simon Dompieri vermutet er Neid, den er sich dadurch zugezogen habe, dass die Anima vermehrt Agentiegeschäfte der deutschen und österreichischen Bischöfe übernommen habe. Flir will die Agentie aber weiterhin durch Dompieri betreiben lassen – sofern Thun und der Kaiser nichts dagegen einzuwenden haben.
In der Beilage bedankt sich Flir beim Kaiser für seine Ernennung zum Auditor der Römischen Rota. Er bittet den Kaiser auch, ihn dennoch in seiner Stellung als Leiter der Kirche Santa Maria dell'Anima zu belassen. Er betont, dass die Anima wieder in altem Glanz erstrahle und sie dadurch zum Aushängeschild Österreichs in Rom geworden sei.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Alois Flir an Kaiser Franz Joseph. Rom, 29. Juli 1858.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Die Worte, welche in meinem allerunterthänigsten Dankschreiben an unsern allergnädigsten Kaiser Seine Majestät allerdings auffallend erscheinen mußten, wären vielleicht aus ehrfurchtsvoller Rücksicht unterblieben, wenn ich zuerst ein Konzept entworfen; dasselbe nach einiger Zeit kaltblütig überdacht und dann erst ins Reine geschrieben hätte: aber eine Procedur dieser Art geht bei mir nicht an; nicht erkünstelt, sondern nur wahr und natürlich wollen, wie meine Worte, so auch meine Briefe sein und so wagte ich es denn, sogar an Seine k.k. Apostolische Majestät unmittelbar und offenherzig aus meiner Seele heraus zu schreiben, was ich dachte. Wo ich aber schrieb, daß ich Mühe haben werde, mich als Uditore di Rota zugleich als Vorstand all’Anima zu behaupten – gegenüber einem prunkenden Formalismus und egoistischen geheimen Kabalen – da lagen diesen Ausdrücken folgende Gedanken zu Grunde. Erstlich wußte ich, daß die Uditori rücksichtlich ihrer Wohnung Formalitäten unterworfen sind, die sich all’Anima schwer erfüllen lassen: man begehrt eine bequeme Einfahrt für Kutschen durch die Hauspforte; eine nicht allzu hohe Lage der Lokalitäten, eine bestimmte Anzahl, Aufeinanderfolge und Ausstattung der Zimmer. Inzwischen habe ich nun fachkundige Herren ersucht, in dieser Beziehung ihr Urtheil auszusprechen und mir einen geeigneten Rath zu ertheilen. Zwei Uditori, zwei Advokaten von Uditori, ein Hausmeister und ein päpstlicher Hofbedienter haben nun nach genauer Besichtigung erklärt, die Wohnung, die ich jetzt innehabe, sei auch für meine neue Stellung zulässig, wenn ich einige Modifikationen anbringe: eine Einfahrt lasse sich vielleicht mit der Zeit wohl noch machen; inzwischen solle ich über den Eingang ein Dach ausspannen, unter dem man von der Kutsche aussteigen könne: die im 3. Stocke liegende Wohnung sei zwar hoch, aber die Kommission der Rota (welche leider erst am Ende des Noviciates ihren Spruch fällt) könne deshalb die Wohnung nicht rejiciren und vielleicht gelinge mir mit der Zeit ein Umtausch des dritten Stockes mit dem ersten: die Zimmer seien übrigens dem Zwecke angemessen, nur müsse ich ein grün tapezirtes roth austapeziren, in einem Gange müsse ich zur strengen Absonderung des sogenannten Studium (wo ich mit dem Advokaten und den Segreti arbeiten werde) eine Thüre einsetzen und es sei wünschenswerth, daß ich mein jetziges Schlafzimmerchen durch Abbrechung der neuerrichteten Mauer cassire. Schlafen müßte ich dann im 4. Stock: das Schlafen ist aber eine Privatsache und geht nur mich allein an. Ich wende mich nun zum zweiten Punkte. Als ich mein ehrfurchtsvollstes Dankschreiben an Seine k.k. Apostolische Majestät zu Papier brachte, hegte ich aus Gründen die Besorgnis, daß egoistische geheime Kabalen mein Verbleiben All’Anima zu hintertreiben sich bestreben werden. Bekanntlich wenden sich lange schon sehr viele Bischöfe des Kaiserstaates und vom übrigen Deutschland in verschiedenen kirchlichen Geschäften an mich und an den für solche Kommissionen ungemein fachkundigen und rührigen Kaplan von Dompieri aus Trient. Individuen, welche aus der Agentie bedeutende Einkünfte beziehen, haben schon vor Jahren, wo noch all’Anima keine Agentie bestand, die Gefahr für ihre Agentie vorhergesehen, wenn die Geistlichen all’Anima mit den Bischöfen Oesterreichs und Deutschlands in eine engere Beziehung treten würden. Als daher Seine Eminenz der Kardinal Schwarzenberg für hieher kommende Bischöfe ein Wohnhaus zu bereiten entschlossen war, wurde von Verschiedenen, aber vorzüglich von P… alles Mögliche aufgeboten, den Kardinal zu bewegen, ein auf dem fernen Pincio liegendes Haus der Anima für jenen Zweck zu pachten. Ich und noch weit lebhafter Dompieri stellten Seiner Eminenz die Gegengründe vor. wir siegten. Der Kardinal pachtete das an das Hospitium angrenzende Haus und beauftragte den Dompieri (ich selbst lehnte jeden Antheil ab) mit dem Adaptirungsbau. P… gewann einige Mitglieder der Congregation für seine Intentionen und schob alle möglichen Hindernisse gegen die Fortschritte des Baues. Ich aber billigte zwar durchaus nicht alle Projekte des bauführenden Dompieri, und ich machte den Kardinal rechtzeitig auf den Umstand aufmerksam, daß dieser Bau die beantragten Kosten weit übersteigen werde: die Hindernisse, welche die Congregation entgegensetzte, bezogen sich aber nicht auf Kostenpunkte, sondern auf zweckmäßige Unternehmungen. Ich verfocht daher den Bau, gewann für meine Ansicht einige Mitglieder der Congregation. P… setzte nichts mehr durch und erschien nicht mehr bei den Sitzungen. Es wurde aber doch gegen Dompieri intriguirt und der in das Spiel gezogene Msgr. Fürst Hohenlohe erwirkte mit Berufung auf den Kardinal Brunelli und Seine Exzellenz den k.k. Botschafter Graf Colloredo beim Fürstbischofe von Trient ein Abberufungsdekret des Dompieri. Ich zerschmetterte die ganze Intrigue in einer halben Stunde und der Fürstbischof nahm das Dekret zurück. Unter diesen und ähnlichen Schwierigkeiten wurde der Bau der Bischofswohnung geführt und vollendet. Was P… sich vorhergedacht hat, ist wirklich eingetroffen. Viele Bischöfe wohnten bereits bei uns; die Kommissionen vermehrten sich; vielseitig wurde mir die Agentie angeboten, weil ich aber sie ablehnte, wurde sie von 25 Bischöfen, namentlich von allen baierischen, von einigen preußischen, von einigen österreichischen, unter Einwilligung des Kardinalvisitators in Dompieri’s Hände gelegt, der den Ertrag zum Besten der Anstalt hingibt, Schulden abzahlte, Einrichtungen ankauft, ärmere Priester und Studirende gratis oder um einen ermäßigten Preis verpflegt. Dompieri ist daher bei allen, die aus der Agentie Oesterreichs und Deutschlands Gewinn ziehen, in hohem Grade verhaßt und angefeindet: diese Gegner brummen wohl auch gegen mich, über meine allzu große Nachsicht gegen ihn, über meine allzu große Güte, über meine Schwäche und dgl. Dieselben, die mich für schwach ausgeben, halten mich aber doch für so stark, daß sie die Ohnmacht aller ihrer Angriffe gegen Dompieri fühlen, so lang ich ihn decke: würde ich von der Anstalt abtreten, so würde Dompieri resigniren oder wenn er bliebe, vermuthlich unterliegen. Bei diesen Umständen fürchte ich also, daß Kabalen, die aus Egoismus (besser gesagt aus eigenem Interesse) entspringen, wenn auch nicht öffentlich, doch im Geheimen mit Vorschiebung getäuschter Autoritäten, gegen meine Fortführung der Leitung dieser Anstalt das Möglichste aufbieten werden. Diese meine Besorgnis ist zwar noch nicht ganz gehoben, aber sie ist kleiner geworden: denn ich sagte diesen Gegnern, die ich nur zu gut kenne, in das Angesicht: „Ich werde all’Anima bleiben, wenn es Seiner Majestät und Seiner Heiligkeit genehm ist und ich habe gute Gründe, dieses zuversichtig zu erwarten.“ Dieser Ton schüchterte die Herren ein. Wenn – und dieses erlaube ich mir beiläufig zu bemerken – wenn Seine k.k. Apostolische Majestät es nicht billigen, daß Dompieri zum Besten der Anstalt Agentiegeschäfte von österreichischen Bischöfen beibehalte oder in Zukunft noch übernehme, so will ich bei Seiner Eminenz dem Kardinalvisitator die entsprechende Weisung sogleich erwirken oder vielmehr dem Dompieri nur diesen Allerhöchsten Willen des allergnädigsten Kaisers zu wissen machen und er wird augenblicklich gehorchen. Daß Dompieri schriftliche Einladungen an Bischöfe ausgesendet hat, verwies ich ihm und er wird dieses in Zukunft unterlassen.

    Euer Kaiserliche Königliche Apostolische Majestät!
    Glorreichster Allergnädigster Kaiser und Herr!

    Durch die Allerhöchste Gnade Euer k.k. Apostolischen Majestät zum Auditor Sacra Rota ernannt wagt es der allerunterthänigst Unterzeichnete, seinen unaussprechlichen Dank mit gerührtem Herzen und in tiefster Ehrfurcht vor den Stufen des erhabenen Kaiserthrones niederzulegen. Bei dieser überraschenden, nie geahnten Beförderung liegt der Grund meiner Wonne nicht in dem äußerlichen Range, vor dem ich vielmehr schüchtern bin, sondern einzig und allein in der kaiserlichen Huld, die sich auf mich herabließ.
    Dem Allergnädigsten Vertrauen in dieser neuen Sphäre zu entsprechen, wird für mich zwar eine große Schwierigkeit sein: aber desto gewissenhafter will ich mich anstrengen und desto anhaltender zu Gott um Seinen Beistand flehen. Außer meinem eigentlichen Berufsgeschäfte, welches fast ausschließlich nur Angelegenheiten des Kirchenstaates angehören wird, will ich jede Gelegenheit ergreifen, durch werkthätige Theilnahme für hülfsbedürftige Mitunterthanen meine innigste Ergebenheit für den gemeinsamen Kaiser und durch eifrigste Bereitwilligkeit zu jedem Dienst und zu jedem Opfer überhaupt meine Treue für jedes Interesse Oesterreichs an den Tag zu legen. In eben diesem Streben wünsche ich sehnlich auf dem schönen Posten zu S. Maria dell’Anima, den mir die Gnade Euer k.k. Majestät anzuvertrauen geruthe, noch fortzuwirken. Ich werde aber Mühe haben, mich auf demselben zu behaupten – gegenüber den Anforderungen eines prunkenden Formalismus und gegenüber egoistischen, heimlichen Cabalen. Seine Heiligkeit spricht hoffentlich ein Wort der Entscheidung. Die Anstalt, wie sie jetzt schon dasteht, bleibt ein schönes Denkmal der hochsinnigen Protection Eurer k.k. Apostolischen Majestät und unsere zahlreichen geistlichen Gäste aus allen Gauen Deutschlands sprechen mit Begeisterung ihren Dank aus und tragen diese Gefühle in die Heimath zurück. Nicht nur Deutsche, auch Italiener beneiden uns glückliche Oesterreicher um unseren Kaiser.
    Gott erhalte dieses Glück dem großen Kaiserstaate und für ganz Deutschland viele, viele Jahre! Täglich will ich am Altare und sehr oft – besonders aber in diesen Tagen – an Roms Gnadenorten mein zwar schwaches, aber aufrichtiges Gebeth zum Himmel senden – als

    Euer k.k. Apostolischen Majestät
    allerunterthänigster und mit Tyroler Treue bis in den Tod sich hingebender Knecht
    Aloys Flir
    k.k. Rector der deutschen Nationalanstalt S. Maria dell’Anima und Allergnädigst ernannter Auditor Rota

    Rom, den 29. Juli 1858