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Dokument Julius Ficker an Leo Thun
Innsbruck, 15. Juni 1858
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D453
Regest

Der Historiker Julius Ficker erteilt – wie von Thun gewünscht – Auskunft über Gottfried Muys. Ficker kennt Muys aus der gemeinsamen Studienzeit in Bonn. Schon damals galt Muys als talentiert und zu Höherem berufen, allerdings hat sich Muys dann der Erforschung der alten Völker zugewandt und sich dabei mehrfach zu gewagten Hypothesen hinreißen lassen. Außerdem, so erzählt man sich, sei Muys sehr von sich eingenommen. Mehrfach wurden Arbeiten von ihm negativ besprochen, besonders hervorzuheben ist dabei eine anonyme Rezension in der Katholischen Literaturzeitung. Zudem war Muys nie Kandidat für den katholischen Lehrstuhl der Geschichte in Bonn, obschon man dort verzweifelt einen Kandidaten gesucht hatte. Ficker verweist Thun daher an Joseph Aschbach, der Muys persönlich kennt. Was die anonyme Warnung vor Muys betrifft, die Thun erhalten, räumt Ficker ein, dass er auf Grund der Handschrift eine Vermutung hegt, wer der Schreiber dieser Warnung sein könnte: nämlich ein protestantischer Dozent, den Ficker kennt. Ficker traut diesem allerdings nicht zu, aus reiner Gehässigkeit zu einem solchem Mittel gegriffen zu haben. Er will sich über die Handschrift allerdings noch genauere Kenntnisse verschaffen, um seine Vermutung zu prüfen. Daher möchte er den Namen des Dozenten zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen. Schließlich bietet Ficker dem Minister auch an, sich bei Karl Simrock und Joseph Floß in Bonn über Muys zu erkundigen. Im zweiten Teil des Briefes berichtet Ficker von einer Angelegenheit, die in Innsbruck einiges Aufsehen erregt hat. In der jüngsten Ausgabe der Gymnasialzeitschrift bezichtigt Alfred Lange Professor Tobias Wildauer nämlich des Plagiats bei seiner Ausgabe des platonischen Dialoges des Protagoras. Bei dem plagiierten Werk soll es sich um eine ähnliche Ausgabe des Protagoras von Eduard Jahn handeln. Ficker versichert Thun jedoch, dass die Anschuldigungen haltlos sind, da er das Manuskript Wildauers mehrfach gesehen habe und er Wildauer sogar beraten hatte, als während der Druckphase seines Werkes jenes von Jahn erschien. Außerdem hat er zur Sicherheit die Manuskripte Wildauers noch einmal überprüft. Dennoch befürchtet Ficker, dass die Anschuldigungen negative Auswirkungen auf eine mögliche Berufung Wildauers an die Innsbrucker Universität haben könnten. Ficker bittet daher den Minister, den Verdächtigungen keinen Glauben zu schenken und um eine möglichst baldige Entscheidung über die Lehrkanzel in Innsbruck, zumal das Provisorium für alle Beteiligten, besonders für Wildauer, ein unangenehmer Zustand sei. Zuletzt bedankt sich Ficker für die Berufung von Karl Schenkl.

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Transkription

    Innsbruck 1858 Juni 15

    Eure Excellenz!

    Von Eurer Excellenz in Deren gnädigem Schreiben vom 9. dieses Monats 1 zu einer Äußerung über den Dr. Muys aufgefordert, sehe ich mich leider nicht im Stande, genügende Auskunft geben zu können, nehme aber keinen Anstand, das Wenige, was ich hier weiß, mitzutheilen, so sehr ich auch wünschen würde, in der Lage zu sein, entschiedener zu seinen Gunsten sprechen zu können.
    Die Voraussetzung Eurer Excellenz, daß ich bei früherer Gelegenheit den Dr. Muys empfohlen, dürfte unzweifelhaft auf einer Verwechselung des Empfohlenen oder des Empfehlenden beruhen; ich bin einmal durch einen gemeinsamen Bekannten darum angegangen, mochte aber bei nur oberflächlicher Bekanntschaft die Verantwortlichkeit nicht übernehmen.
    Wir studirten gleichzeitig zu Bonn und Muys galt damals für einen sehr fähigen und kenntnisreichen Studirenden, von welchem Bedeutendes zu erwarten stehe. Eine sehr bedeutende Gelehrsamkeit dürfte ihm in keinem Falle abzusprechen sein. Doch will ich Euer Excellenz ganz offen schreiben, was mich etwa bedenklich gemacht hätte, ihn zu empfehlen. Muys hat seine Thätigkeit ganz vorzugsweise der Urgeschichte der alten Völker zugewandt, einem Felde, wo der Boden so schwankend, daß der gründlichste Forscher Gefahr läuft, über der fortwährenden Nöthigung zu Hypothesen greifen zu müssen, den Sinn für besonnene und methodische Forschung zu verlieren. Dazu kommt, daß Muys, wie mir mehrfach gesagt wurde, wie seine Arbeiten zeigen und auch in den Besprechungen derselben tadelnd bemerkt wurde, eine überaus hohe Meinung von sich hat, welche ihn um so eher zu gewagten Behauptungen und unbilliger Behandlung anderer verdienter Forscher treibt. Das mag zum Theil auch der Grund der vom Anonymus hervorgehobenen und nicht in Abrede zu stellenden Thatsachen sein, daß die öffentlichen Beurtheilungen seiner Schriften nicht gerade sehr günstig waren, und zwar auch in Blättern, wo wenigstens sein Katholicismus kein Vorurtheil begründen konnte, z.B. in der katholischen Litteraturzeitung 1856 Nr. 44. Auch ist mir der Umstand aufgefallen, daß bei den Vorschlägen über die Besetzung der katholischen Geschichtsprofessur sein Name nie genannt wurde, obwohl, wie mir genauer bekannt ist, die Facultät in Verlegenheit um vorzuschlagende Kandidaten war. Jedenfalls wird der Herr Prof. Aschbach, welcher ihn genauer kennt, über seine Tauglichkeit zum Lehrer in wissenschaftlicher Beziehung ein ungleich sichereres Urtheil haben, als solche, welche lediglich auf seine gedruckten Arbeiten hingewiesen sind.
    Was die andern, ihm vom Anonymus gemachten Vorwürfe betrifft, so weiß ich darüber nichts zu sagen. Es tritt hier ein Umstand ein, welchen zu berühren ich lange zweifelhaft war, da ich mich sehr leicht irren kann, und dieser Irrthum ungünstig für Muys sein könnte. Ich glaube nämlich, obwohl ich über ein Hauptmoment, die Handschrift nämlich, ungewiß bin, den Anonymus zu kennen. Ist meine Vermuthung richtig, so ist derselbe ein protestantischer Dozent eines ganz andern Faches, welcher in keiner Beziehung Rival des Muys sein könnte. Ob etwa persönliche Spannung bestehen möchte, weiß ich nicht; sollte es sein, so wäre ich überzeugt, daß er doch schwerlich deßhalb zu solchen Mitteln greifen möchte. Auf die Vermuthung, er dürfe der Schreiber sein, (welche sich mir durch mehrere Kleinigkeiten zu bestätigen schien) brachte mich zunächst der Umstand, daß ich vor fast zwei Jahren mich längere Zeit mit ihm über österreichische Unterrichtsverhältnisse unterhielt, welche er mit Interesse zu verfolgen schien; bei seinem raschen, voreiligen Wesen, übrigens durchaus ehrenwerten Character könnte ich mir sehr wohl denken, daß er zu einem solchen Mittel griff in der Ansicht, den österreichischen Unterrichtsverhältnissen dadurch einen Dienst zu erweisen. Wäre meine Vermuthung gegründet, so möchte ich freilich der Warnung einiges Gewicht beilegen. Es würde mir nicht schwer sein, mir in einiger Zeit, ohne irgend den Zweck anzudeuten, die betreffende Handschrift und damit Gewißheit zu verschaffen, falls Eure Excellenz es wünschen sollten; doch würde ich gerade in diesem Falle mehr noch, als jetzt, darum bitten dürfen, den Namen zu verschweigen, da die Sache ihm vielleicht schaden könnte.
    Glaubte ich demnach einige Bedenken Eurer Excellenz nicht verschweigen zu dürfen, so ergibt sich doch, daß ich durchaus nicht in der Lage bin, irgend ein bestimmteres Urtheil für oder gegen abgeben zu können. Für diesen Fall deuteten Eure Excellenz auf die Meinung zuverlässiger Gewährsmänner hin. Als solche möchte ich etwa vorzugsweise bezeichnen den Prof. Dr. Simrock und den Prof. Dr. Floss zu Bonn; beide sind Katholiken und werden gewiß, mit der trostlosen Lage katholischer unbemittelter Docenten an preußischen Universitäten vertraut, nicht ohne die besten Gründe etwas mittheilen, was der Berufung eines solchen schaden könnte; andererseits glaube ich zu beiden das volle Vertrauen haben zu können, daß sie wissentlich keinen Ungeeigneten empfehlen werden; eine Befragung beider, sei es auch nur durch die Bitte an den einen, auch die Meinung des andern einzuholen, würde ich vorziehen, da, so weit ich die Verhältnisse kenne, vielleicht der eine oder andere über diesen oder jenen Punkt nicht unterrichtet sein könnte. Ich dachte wohl daran, mich dort unmittelbar zu erkundigen; aber das gnädige Schreiben Eurer Excellenz ließ mich doch ungewiß, ob ich das thuen dürfe, da ich mir immerhin Gründe denken könnte, welche es Hochderselben wünschenswerth erscheinen lassen könnten, eine solche Erkundigung überhaupt nicht oder doch nicht durch mich einziehen zu lassen? Sollte es aber den Absichten Eurer Excellenz entsprechen, daß ich mich weiter erkundige, was sich ohne Berührung des nächsten Sachverhaltes sehr wohl thuen ließe, so würde ich eine bezügliche gnädige Weisung bestens auszuführen bestrebt sein.

    Eure Excellenz werden es verzeihen, wenn ich es wage, eine andere Angelegenheit zu berühren. Schon seit einigen Tagen überlegte ich, ob ich es mir erlauben dürfe, darüber zu schreiben; die sich durch das gnädige Schreiben ergebende Nothwendigkeit ohnehin an Eure Excellenz schreiben zu müssen, erschien mir als ein Wink, meine Bedenken zu beseitigen.
    Das letzte Heft der Gymnasialzeitschrift enthielt eine Recension der Ausgabe des Protagoras des Dr. Wildauer 2 , welche hier bei allen, welche mit der Sachlage irgend vertraut waren, den lebhaftesten Unwillen erregte. Was die wissenschaftlichen Ausstellungen betrifft, so habe ich kein genügendes Urtheil darüber; ich hörte nur einen vorzugsweise kompetenten Kollegen äußern, daß ihm auch dieser Theil der Recension nicht billig scheine und weiß, daß namhafte Gelehrte, wie z.B. Thiersch zu München, sich sehr beifällig über die Arbeit äußerten. Über einen andern Theil der Besprechung, gerade den, über welchen man hier entrüstet ist, dürften augenblicklich wenige in der Lage sein, sich ein sichereres Urtheil bilden zu können, als es mir verschiedene Umstände gestatten. Es wird dem Dr. W[ildauer] nämlich vorgeworfen, er habe von der früher erschienenen Arbeit eines Schülers des Herrn Prof. Bonitz, des Dr. Jahn 3, den wesentlichsten Nutzen gezogen, sei diesem seinem Vorgänger zum Danke verpflichtet gewesen, habe diesen Dank nicht allein unterlassen, sondern durch eine gelegentliche Bemerkung, sein Manuscript sei im Mai 1856 vollendet gewesen, absichtlich eine solche Benutzung läugnen wollen, d. h. er wird nicht allein des verschwiegenen Plagiats geziehen, was vielleicht nur seinen wissenschaftlichen Ruf treffen würde, sondern einer absichtlichen Unredlichkeit, wodurch die Ehrenhaftigkeit seines Charakters aufs bestimmteste in Abrede gestellt erscheinen muß. Bei der allgemeinen Achtung, deren sich der Dr. W[ildauer] gerade in dieser Beziehung hier erfreut, ist die Wirkung, welche der Angriff hier hervorbrachte, doppelt begreiflich.
    Sich gegen diesen Angriff auf dem Felde, wo er geschah, zu vertheidigen, dürfte Ehrenpflicht für Dr. W[ildauer] sein; und zufälligerweise stehen ihm die Mittel zur schlagendsten Rechtfertigung so genügend zu Gebote, daß es mir ganz und gar unbegreiflich ist, wie eine solche Behauptung gewagt werden konnte. Ich würde auch nicht den mindesten Grund haben, die Sache hier zu erwähnen, wenn ich nicht befürchten müßte, sie könne einen nachtheiligen Einfluß auf seine etwaige Ernennung zum Professor ausüben. Der Eindruck einer so zuversichtlich hingestellten Behauptung wird durch die genügendste spätere Rechtfertigung nicht ganz verwischt werden können; es sind einige Momente da, welche für den Augenblick jene Behauptung einigermaßen zu stützen scheinen; hat irgend Jemand ein Interesse daran, die Ernennung W[ildauer]'s zu hindern oder zu verzögern, so ist hier eine Handhabe geboten; und vielleicht gerade die Nothwendigkeit, sich gegen einen durch nichts provocirten Angriff vertheidigen zu müssen, könnte ihm manche abgeneigt machen, welche auf seine Zukunft einwirken könnten. Diese Umstände, verbunden mit der Überzeugung, wie werthvoll für unsere Universität die Ernennung W[ildauer]'s sein würde, werden es entschuldigen, wenn ich mich verpflichtet halte, mich an maßgebender Stelle schon jetzt über den Vorfall zu äußern; ein Schritt, welcher mir nur deßhalb peinlich ist, weil er als Anklage des Recensenten aufgefaßt werden könnte, während er nur einen Kollegen gegen üble Folgen eines ganz unverschuldeten Ereignisses zu schützen sucht.
    Ich bin in der Lage aufs entschiedenste versichern zu können, daß der schwere gegen W[ildauer] erhobene Vorwurf durchaus ungerechtfertigt ist; ich bin bereit, diese Behauptung wo auch immer und gegen wen auch immer aufs unumwundenste zu vertreten. Ich würde das wenigstens hier nicht so entschieden auszusprechen wagen, wenn ich mich dabei nur auf meine subjective Überzeugung von der Ehrenhaftigkeit W[ildauer]'s stützen könnte; ich kann es deßhalb so unumwunden jedem gegenüber behaupten, weil ich sehe, daß der vollständigste Beweis einer solchen Behauptung geführt werden kann. W[ildauer] besitzt noch fast sämmtliche Vorarbeiten und Manuscripte. Das letzte derselben, welches später unmittelbar in die Druckerei gegeben wurde, hatte Prof. Schenach Eurer Excellenz schon einige Zeit vor dem Erscheinen der Arbeit von Jahn übersandt. Als es gedruckt wurde, kannte W[ildauer] Jahn’s Arbeit, welche inzwischen erschienen, eine Kenntnis, welche sich auch z.B. darin zeigt, daß er in seinen Anmerkungen einige ihm irrig scheinende Angaben Jahns stillschweigend widerlegt. Absichtlich jedoch vermied er es, sich von Jahns Arbeiten irgend etwas anzueignen, was ihn hätte zu einer dankbaren Erwähnung verpflichten können; hätte er Jahn nennen wollen, so hätte er die Drucklegung seiner Schrift insbesondere durch die Hervorhebung der Mängel jener andern begründen müssen; ich selbst konnte ihm damals nur rathen, einem solchen Tadel durch Nichtnennung auszuweichen. Um trotzdem die Selbstständigkeit seiner Arbeit anzudeuten, hätte er sich darauf berufen können, dieselbe sei vor dem Erscheinen der andern bereits in den Händen Eurer Excellenz gewesen; so sicher das gewesen, so unpassend hätte das andererseits scheinen müssen; und wir waren der Ansicht, daß eine andere gelegentliche Notiz, seine Arbeit sei früher vollendet gewesen, ihn gegen jede Behauptung, er habe ein Plagiat begangen, schützen würde, wenn nicht die überzeugendsten Beweise, was nicht möglich, beigebracht werden könnten. Darin haben wir uns getäuscht.
    Allerdings gibt der Umstand, daß das vollendete Manuscript schon früher in Wien war, noch keinen Beweis, daß es nicht später nach Jahn geändert sei. Für mich und andere Freunde W[ildauer]'s konnte allerdings seine Versicherung, daß das nicht der Fall gewesen sei, vollkommen genügen. Es lag uns aber daran, uns zu vergewissern, daß es auch möglich sein werde, einen jeden Dritten zu überzeugen, und uns dadurch zugleich in den Stand zu setzen, eine bestimmte Erklärung für ihn abgeben zu können. Für diesen Zweck sind die ursprünglichen Manuscripte W[ildauer]'s, von welchen wir wissen, daß sie vor dem Erscheinen der Arbeit Jahns vorhanden waren, mit dieser und dem Abdrucke der Arbeit W[ildauer]'s genau verglichen, mit besonderer Beachtung aller Stellen, welche in den Manuscripten als Zusätze erscheinen, nirgends hat sich etwas gefunden, was die Behauptungen des Recensenten rechtfertigen könnte, da es natürlich, was auch der ganze Ton der Recension nicht gestattet, lächerlich wäre, anzunehmen, derselbe wolle seine Vorwürfe darauf gründen, daß W[ildauer] Jahns Buch gekannt habe. Ja noch mehr; es wurde zu diesen Vergleichungen die etwas später als W[ildauer]'s Arbeit herausgegebene Ausgabe des Protagoras von einem bewährten Gelehrten, dem Prof. Sauppe 4, hinzugezogen; und zu unserer Überraschung ergab sich das auch sonst für W[ildauer]'s Arbeit gewiß nicht ungünstige Resultat, daß, obwohl bei den Arbeiten von Sauppe und Wildauer eine gegenseitige Benützung gar nicht möglich war, beide in den wichtigsten Punkten eine wirklich auffallende Übereinstimmung zeigen, so daß dagegen die Verwandtschaft der Arbeiten Jahns und Wildauers, wie sie hie und da derselbe Gegenstand, derselbe Zweck, die Benützung derselben Hülfsmittel herbeiführen mußte, ganz zurücktritt, sodaß es uns immer unbegreiflicher erschien, wie ein Recensent hoffen konnte, den Vorwurf des Plagiats irgendwie begründen zu können.
    Leicht könnte ich noch weitere Belege zur Rechtfertigung W[ildauer]'s hinzufügen, wenn ich diese peinlichen Mittheilungen nicht möglichst auf das beschränken möchte, was für den einzigen Zweck derselben genügen dürfte. Dieser Zweck ist lediglich, Eure Excellenz ganz gehorsamst zu bitten, doch keinerlei Gewicht darauf zu legen, wenn diese Vorwürfe etwa gegen eine Ernennung W[ildauer]'s geltend gemacht werden sollten. Es würde weder in meinem Wunsche noch vielleicht im Interesse W[ildauer]'s liegen, wenn Eure Excellenz davon irgend andern Gebrauch machen wollten; sollten aber aus irgend welchem Grunde Eure Excellenz geneigt sein, weitere Erkundigungen einzuziehen, so füge ich ausdrücklich hinzu, daß ich keinerlei Interesse habe, ungenannt zu bleiben, daß ich jederzeit bereit bin, sowohl den Umstand, daß ich schrieb, als das, was ich schrieb, jedem Dritten gegenüber zu vertreten; nur unter dieser Voraussetzung glaube ich es vor mir selbst verantworten zu können, derartige Mittheilungen, welche Dritten schaden könnten, an Eure Excellenz zu richten.
    In wie weit Eure Excellenz überhaupt geneigt sein dürften, eine Ernennung des Dr. Wildauer zu beantragen, kann ich freilich nicht beurtheilen. Sollten Hochdieselben überhaupt dazu entschlossen sein, so glaube ich vielleicht andeuten zu dürfen, daß eine möglichst baldige Erledigung im Interesse W[ildauer]'s, wie der Fakultät, sehr zu wünschen wäre. Das Provisorium hat etwas außerordentlich Drückendes für ihn, lähmt ihn in seinen Bestrebungen; anfangs mit Lust und Liebe seinem Berufe hingegeben, wird ihm derselbe jetzt fortwährend durch den Gedanken verbittert, er werde sich vielleicht doch zum Gymnasium und zur Philologie zurückwenden müssen, in welchem Falle er natürlich nur wünschen könnte, seinem frühern Wirkungskreise nicht so lange entzogen zu sein, daß es neuer Mühen bedürfte, sich in denselben wieder einzuleben. Mit einem Eifer, welcher mich für seine Gesundheit fürchten machte, hat er gethan, was in seinen Kräften stand, neben der Ausarbeitung seiner Vorlesungen noch mehrere Aufsätze geschrieben, welche freilich bisher nur theilweise zum Druck zu befördern waren, welche aber gewiß ein nächstes Urtheil über seine Befähigung rechtfertigen dürften; in seinen Vorlesungen erfreut er sich des ungetheiltesten Beifalls. Für jetzt mehr zu leisten, würde nicht im Bereiche der Möglichkeit liegen; genügt das bis jetzt Geleistete nicht, seine Stellung zu einer sichern zu machen, so glaubt er für lange Zeit die Hoffnung aufgeben zu müssen. Dazu nun ein Angriff, welcher so ganz ungerechtfertigt und ganz unprovocirt gegen ihn erfolgte, ihn so empfindlich treffen mußte; – Eure Excellenz werden es gewiß verzeihen, wenn ich unter solchen Umständen mich auf die Gefahr hin, mir den Schein unberufener Einmischung zuzuziehen, ein Wort zu seinen Gunsten glaubte sprechen zu dürfen.
    Schließlich glaube ich es mir gewiß zugleich im Namen aller derjenigen, welche hier Gelegenheit hatten, die trefflichen kollegialen Eigenschaften des Prof. Dr. Schenkl und die große Sorge, welche er der Ausbildung der Studirenden zuwendet, kennen zu lernen, mir erlauben zu dürfen, Euer Excellenz den aufrichtigsten Dank für diese abermalige, durch seine Ernennung unserer Hochschule erwiesene Fürsorge ganz ehrfurchtsvoll auszusprechen.
    Mit größter Hochachtung und Ergebenheit

    Eurer Excellenz
    ganz gehorsamster
    Dr. Ficker