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Dokument Julius Ficker an Leo Thun
Innsbruck, 22. November 1857
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D434
Regest

Der Historiker Julius Ficker berät Leo Thun in der Frage der Berufung eines Professors für Klassische Philologie an die Universität Innsbruck. Zunächst eröffnet er dem Minister, dass Johannes Vahlen den Ruf nach Innsbruck nicht annehmen werde. Ficker verweist Thun daher auf einige alternative Kandidaten für den Lehrstuhl, die Vahlen zusammen mit seiner Absage genannt hatte. Vahlen hatte sich hierfür auch bei seinem Lehrer in Bonn, Friedrich Wilhelm Ritschl, erkundigt. Dessen Antwort lag dem Brief Vahlens an Ficker bei und Ficker fasst diesen in der Folge zusammen. Ritschl betone darin, dass es schwierig sei, einen guten katholischen Philologen zu nennen, da alle etablierten Professoren bereits einen Lehrstuhl hätten. Anschließend empfehle Ritschl zwei seiner Schüler. Ritschl sei auch mit dem Vorschlag Vahlens einverstanden, den Gymnasiallehrer Eduard Goebel zu berufen, allerdings wäre dieser zumindest einem seiner Schüler, Franz Bücheler, nachzureihen. Ficker selbst betont, dass er bis auf Goebel keinen der Kandidaten kenne, Goebel ihm aber von Ritschl bereits im vorigen Jahr empfohlen worden war. Ritschl würde Goebel allerdings Bücheler nachreihen, was aus der Sicht von Ficker wohl darauf zurückzuführen ist, dass Goebel im Gegensatz zu Bücheler bereits eine Stelle innehabe. Schließlich äußert sich Ficker enttäuscht über das Verhalten von Vahlen, der die ernsthaften Bemühungen Thuns, ihn zu berufen, nur für persönliche Verbesserungen benützt habe. Zuletzt verweist Ficker noch darauf, dass Anton Goebel von Ritschl wohl nicht empfohlen wurde, weil dieser nicht der Bonner Schule angehört.

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Transkription

    Eure Excellenz!

    Nachdem ich vor wenig Tagen mir erlaubte anzudeuten, weshalb es mir unmöglich war, bezüglich der Berufung des Prof. Dr. Vahlen an die hiesige Hochschule Eurer Excellenz eine erledigende Mittheilung zukommen zu lassen, erhalte ich so eben auf meine frühern Zuschriften von ihm die Antwort, daß er in Folge einer Verbesserung seiner Stellung zu Breslau sich entschlossen habe, dort zu verbleiben.
    Da ich, wenn mich auch das Schreiben darüber im Unklaren läßt, annehmen darf, daß Euer Excellenz davon unmittelbarer verständigt sein werden, so dürfte es vielleicht überflüssig scheinen, deshalb Eure Excellenz abermals durch eine Zuschrift zu belästigen; ich halte mich aber zu einer solchen verpflichtet bezüglich eines anderen Punctes, welchen er in seinem Schreiben vorzugsweise berührt, nämlich des Vorschlages anderweitiger Kandidaten für den Lehrstuhl der Philologie. Er hatte in dieser Beziehung an Herrn Prof. Ritschl zu Bonn geschrieben und legt mir, wie ich Euer Excellenz mitzutheilen glaube keinen Anstand nehmen zu dürfen, den Brief Ritschl‘s selbst vor, so daß das, was ich mitzutheilen mir erlaube, auf eigener Einsicht desselben beruht.
    Ritschl meint, daß es sehr schwer sei geeignete katholische Philologen vorzuschlagen, da solche, welche schon Namen hätten, wie Spengel und Halm in München, Urlichs in Würzburg schwerlich geneigt sein würden, nach Innsbruck zu gehen.
    Einer seiner vielversprechendsten Schüler sei ein junger Bonner, Reifferscheid, welcher so eben eine Preisfrage über Sueton trefflich gelöst habe; doch sei derselbe erst mit seiner Promotion beschäftigt, könne daher jetzt noch nicht in Betracht kommen; doch sei er überzeugt, daß er in Kurzem für eine Berufung nach Oesterreich oder Baiern sehr geeignet sein werde.
    Der Dr. Bücheler, an welchen Vahlen primo loco gedacht habe, sei vor allen zu empfehlen. Er sei jetzt mit seiner Habilitation beschäftigt und werde wohl noch in diesem Semester lesen; daß es mit bestem Erfolge geschehen werde, davon sei bei seiner wirklichen Gelehrsamkeit, seinem feinen, scharfsinnigen, productiven Geiste, seiner gewandten und lebendigen Persönlichkeit gar nicht zu zweifeln; etwa zu Ostern als Extraordinarius berufen, würde er bald genug so gut einschlagen, daß man sich sicherlich zu seiner Erwerbung gratuliren würde. Es werde ihm aber wahrscheinlich im Wege stehen, daß er noch keine öffentliche Proben seiner Befähigung abgelegt habe und er begreife es, wenn eine Regierung auf eine bloße Empfehlung hin zögere, eine solche junge Kraft heranzuziehen. Er habe auch andere von katholischer Seite an ihn gelangte Anfragen nach einer philologischen Lehrkraft nach bestem Wissen und Gewissen nicht passender zu beantworten gewußt, als durch eine Hinweisung auf Bücheler.
    Nicht übel sei aber auch der von Vahlen angeregte Gedanke an den Dr. Ed[uard] Goebel zu Salzburg; derselbe habe neuerdings in seiner Lucretianis ganz ehrenwerthe Proben erfreulichen Fortschreitens gegeben und es sei möglich, daß er sich noch so entwickle und emporarbeite, um dereinst im ersten Range zu zählen. Es ließe sich Manches dafür sagen; doch möchte er nicht in derselben Weise wie bei Vahlen und Bücheler sein Wort dafür verpfänden, daß er unfehlbar einschlagen werde.
    Nur bedauern könne er es, wenn man etwa auf den Dr. Pauly verfiele, welcher sich angeblich jetzt zu Prag habilitiren wolle; er habe als Schulmann seine sehr guten Eigenschaften, aber als Professor der Philologie fungirend dürfe er ganz geeignet sein, den guten Ruf der Bonner Philologenschule zu kompromittiren.
    So weit was ich glaubte Euer Excellenz aus der Äußerung des Prof. Ritschl mittheilen zu sollen, insofern es möglich wäre, daß Hochdieselben jetzt oder später in der Lage wären, diese Urtheile zu berücksichtigen; ich füge noch hinzu, daß Prof. Vahlen selbst den Dr. Bücheler sehr empfiehlt, weiter mich bittet, von den Äußerungen Ritschl’s nur konfidentiellen Gebrauch zu machen, eine Gränze, welche ich durch jene Mittheilungen an Eure Excellenz nicht überschritten zu haben glaube.
    Mir persönlich sind die genannten Kandidaten persönlich völlig unbekannt bis auf den Dr. Ed[uard] Goebel zu Salzburg. Was diesen insbesondere betrifft, so glaube ich hinzufügen zu sollen, daß vor einem Jahre Herr Prof. Ritschl mit mir über ihn sprach, ihn nicht genug zu rühmen wußte und uns Glück wünschte, ihn gewonnen zu haben. Wenn er in dem vorliegenden Briefe sich allerdings auch sehr günstig über ihn ausspricht, dem Dr. Bücheler aber doch den Vorrang zuerkennt, so bin ich, so weit ich Herrn Prof. Ritschl irgend kenne, aufs bestimmteste überzeugt, daß das, was er über letztern sagt, aufs vollkommenste gegründet sein wird. Andererseits glaube ich, daß Eure Excellenz es mir nicht verübeln werden, wenn ich eine sich mir aufdrängende Bemerkung auszusprechen wage. Prof. Ritschl ist, wie das gewiß in der Ordnung sein dürfte, eifrig bemüht, seinen tüchtigern Schülern angemessene Stellungen zu sichern: Goebel wie Bücheler sind seine Schüler; aber jener ist bereits versorgt, für diesen wäre ein Ruf nach Oesterreich von größerer Wichtigkeit, als er ihm sicher eine Stellung in Oesterreich oder aber auch, was nicht gerade ferner liegen dürfte, in Preußen selbst verschaffen würde, und nach dem, was mir Ritschl selbst früher über Ed[uard] Goebel mittheilte, möchte ich fast glauben, daß er sich auch jetzt noch unumwundener günstig für ihn ausgesprochen hätte, wenn ihn nicht jener Umstand eine Berufung Bücheler’s wünschenswerther erscheinen lassen müßte. Ich kann mich allerdings darin irren und füge hinzu, daß meine persönlichen Beziehungen zu Ed[uard] Goebel ganz oberflächliche sind, nicht derart, daß sie etwa mir persönlich eine Berufung desselben besonders wünschenswerth machen würden; aber ich will nicht verhehlen, daß es mich unangenehm berührt hat, daß Prof. Vahlen, nachdem man sich vielfach bemüht hatte, ihm einen Ruf nach Oesterreich und auch nach Innsbruck zu verschaffen, schließlich doch ausgeschlagen hat.
    Euer Excellenz werden gewiß die geeignetsten Wege einschlagen, um dem von Tag zu Tag dringender hervortretenden Bedürfnisse einer Vertretung der Philologie an unserer Hochschule so tüchtig, wie sie sich eben möglich zeigt, abzuhelfen. Ob die gegebenen Notizen dazu von Werth sein können, weiß ich nicht zu beurtheilen; ich fühlte mich jedenfalls zu ihrer Mittheilung verpflichtet, da sie mir von einer Seite, auf deren Urtheil Eure Excellenz Gewicht zu legen geneigt sein dürften, offenbar zum Zwecke einer solchen Mittheilung zukamen. Sollte nun, was ich freilich nicht voraussetzen kann, bei der Frage nach Besetzung der hiesigen Stelle auch etwa noch der Dr. Anton Goebel zu Wien in Berücksichtigung kommen, so darf ich wohl darauf hindeuten, daß derselbe von dieser Seite allerdings auf eine Empfehlung nicht würde zu rechnen haben, da er der Bonner Philologenschule nicht angehörte.

    Mit größter Hochachtung und Ehrerbietung
    Eurer Excellenz ganz gehorsamster und ergebenster
    Dr. Ficker

    Innsbruck 1857 November 22.