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Dokument Michael Josef Fesl an Leo Thun
Wien, 3. Mai 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D48
Regest

Der Priester Michael Josef Fesl schickt Leo Thun und Franz Exner im Auftrag von Robert Zimmermann zwei gedruckte Exemplare von dessen Antrittsvorlesung an der Universität Olmütz. Fesl ist voll des Lobes für den jungen Professor für Philosophie. Fesl nützt außerdem die Gelegenheit um Thun zu berichten, dass der Gymnasialdirektor Franz Effenberger sehr enttäuscht darüber war, dass er nicht zum Gymnasialinspektor für Böhmen ernannt wurde: Effenberger sei tief gekränkt und könne nicht verstehen, warum er nicht berücksichtigt wurde, obwohl er vom Fach und mit dem Amte vertraut sei und von den Gymnasiallehrern geschätzt werde. Dem neu ernannten Gymnasialinspektor Johann Šilhavý fehlten indes all diese Eigenschaften. Außerdem hat man damit auch die Gelegenheit verpasst, einen Geistlichen zum Schulinspektor zu ernennen, was bei der großen Zahl an Ordensgymnasien sicherlich von Vorteil gewesen wäre. Fesl empfiehlt daher eine Aussprache mit Effenberger, um dessen Kränkung zu mildern, zumal dieser trotz allem zur Verbesserung des Schulwesens beitragen möchte und Leo Thuns Engagement sehr schätzt. Fesl hatte Effenberger deshalb auch aufgefordert sich mit Vorschlägen an Thun zu wenden.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Wien, 3. Mai 1850

    Hochgeborener Herr Graf!

    Der junge Professor in Olmüz [Olmütz] sendete mir seine erste Vorlesung schon gedruckt mit dem Auftrage, ein Exemplar seinem hohen Gönner zuzustellen. Selbst von Dankbarkeit das Herz voll, wollte ich diese Übergabe mit wenigen Zeilen begleiten. Ich bin glücklich, in diesem Vortrage die Hoffnungen schon bewährt zu finden, die mit mir noch viele andere von dem Verfasser hegen, und ich möchte behaupten, wer so anfangen konnte, wird noch erst in der Zukunft die reichlichsten Früchte darbieten. Er kann als Filosof eine der ersten Stellen noch in dem verwahrlosten Österreich einnehmen und man wird dann segnen denjenigen, der in dem gegenwärtigen Wirrsal mit scharfem Aug das Richtige herausgefunden und mit mutiger Hand an den rechten Ort gestellt hat. Der alte Zimm[ermann] muß heut die süßesten Vaterfreuden empfinden, denn er hat diesen seinen Sohn nicht blos leiblich erzeugt, sondern auch geistig gebildet zu dieser Treflichkeit, ein Theil, der nicht mehr kann weder von dem einen noch von dem andern wieder genommen werden.
    Allein wie man doch bei besten Willen und besonnenster Wahl fehlgreifen kann. Wie freute ich mich, dass Šilhavy zum Gymnasialinspector ernannt worden ist! Schmerzlich ist ihm nur, daß sein Anstellungsdecret solange ausbleibt, er sehnt sich so schnell als möglich aus Olmüz weg, um seinen neuen Wirkungskreis, des er so sehr sich freut, anzutreten; allein er weiß noch immer nicht, ob seine Ernennung etwa nur ein Traum gewesen, oder von ihm blos mißverstanden worden ist. Noch immer glaube ich an seine Tüchtigkeit und daß er nur Gutes stiften würde. Und doch wie hat sich das in diesem Augenblik geändert! Gestern war Präfect Effenberger bei mir und warf die Äußerung hin, daß er am besten sich werde pensioniren lassen. Auf mein Staunen erwiederte er, daß er mit Beschämung von hier zurükgehe, denn von allen, namentlich den Gymnasiallehrern geschäzt und gewünscht, ja von ihnen als dem Würdigsten erwartet, daß er zum Schulinspector ernannt werde, eine Ernennung, die in Prag auch als schon geschehen angenommen wurde, erscheint er nun als derjenige, der von seiner höchsten Behörde verworfen wurde, und er ist darüber tief gekränkt. Dies sein wörtliches Geständnis. Dazu meint er, die Gymnasiallehrer würden dem statt seiner Gewählten auch mit vieler Verstimmung begegnen, weil er nicht aus ihrer Mitte sei, was doch gesetzlich sein sollte, weil er nie Gymnasiallehrer gewesen und also weder mit den tausend Bedürfnissen und Geschäften, welche das Amt erfordert, hinlänglich bekannt sein könne, noch mit den Lehrern in der ihnen einzig zusagenden Weise zu verkehren imstande sein werde. Zeithammer sei von allen gleichmäßig geschätzt und ihn würde man auf den Händen tragen, Šilhavy aber betrachte man als einen Fremden, Eingeschobenen. Prag sei allarmirt deshalb. Er selbst (Effenberger) gönne dem Manne herzlich seine Stelle und schätze seine hiezu dienlichen Kenntnisse und Eigenschaften; allein auch er habe und viel, viel länger sich Verdienste erworben, sei vollkommen vertraut mit dem Amte, verehrt von den Lehrern und Schülern, er sei ein Mitglied des Lehrercollegium, ihm gebühre das schon mit allgemeiner Zufriedenheit über 20 Jahre lang versehene Vorsteheramt, das auch nur einem Mitglied gehöre; seine allerdings vorhandene Kränklichkeit sei auf dem Wege gehoben zu werden, daß sie ihm nicht hinderlich sein könne…
    Besorgt, daß er selbst, der überaus bescheidene Mann, den ich seit der längsten Zeit nicht mehr gesehen und von dessen allseitiger, seltener Trefflichkeit ich zu meiner größten Freude wirklich überrascht worden bin, es nicht wagen würde, über diese Verhältnisse mit Ihnen mündlich und ganz unbefangen sich zu äußern, hielt ich mich verpflichtet, dieses unverholen selbst zu thun, natürlich ohne ihn von diesem Vorhaben das mindeste merken zu lassen. Ich bin in der That in größter Verlegenheit, denn, was ich zeither zufällig von Effenberger gehört, ließ mich auf ihn gar nicht Bedacht nehmen. Trösten kann mich nur das Vertrauen auf denjenigen, der schon so oft und in schwierigeren Dingen eine richtige Auskunft gefunden, der also auch diesmal wird seine Maßregel so zu nehmen wissen, daß dem Allgemeinen gedient ist. Ich selbst tröstete ihn mit der Möglichkeit, daß sein hoher Gönner schon ihn an die rechte Stelle werde zu weisen wissen; allein auch das beruhigte ihn nicht, weil er in einer fremden Provinz unmöglich sich zurechtfinden könne, weil ganz Böhmen bereits auf ihn gerechnet habe und freudig ihn erwartete. Von der andern Seite würde Šilhavy sich wahrhaft unglücklich fühlen, wenn seine Ernennung rükgängig würde oder wenn er, mit seinen Familienverhältnissen, in ein fremdes, vielleicht fernes Land wandern müsste. Kurz ich wüßte nicht zu helfen. Fehle ich nicht schon arg, daß ich mir herausnehme, mit Ihnen von Dingen zu reden, die mich gar nichts angehen? Allein ich sehe hier viel weniger auf die Personen als auf die öffentliche Sache; und von den Personen steht mir keine höher, heiliger als diejenige, die ich um keinen Preis will in schiefe Stellung geraten lassen, und so ließ ich mich verleiten, solang vielleicht noch Zeit ist, durch einen Wink nüzlich zu sein. Überdies munterte ich Effenberger, der mir gestand, noch sehr vieles das Schulwesen betreffende auf dem Herzen zu tragen, wenn nur die Zeit und das Gedränge der kurzen Audienz es erlaubte, sich mitzutheilen, auf, dasselbe schriftlich und zwar unmittelbar zu thun, sodaß es in ihre Hände käme. Durchaus konnte er aber mir nicht genug sagen, von welch hoher und tiefer Verehrung und Liebe er von demjenigen durchdrungen sei, welcher durch die Hieherberufung ihn so ausgezeichnet habe, dessen Reden überall so genaue Kentnis, so innige Liebe, so aufopfernden Willen für die Sache bezeugen.
    Seine Gefühle in dieser Hinsicht stehen nicht nach den eigenen Ihres

    gehorsamsten

    Michael Jos. Fesl

    Das zweite Exemplar bitte unterthänigst dem Herrn Ministerialrath Exner zuzumitteln. In dem Augenblick ersehe ich aus der gestrigen Wiener Zeitung, daß die Ernennung der Gymnasialinspectoren und Schulräthe in Böhmen amtlich vollzogen worden ist. Das ist nun als Gottes Waltung zu betrachten. Somit wäre soviel des Voranstehenden überflüssig, doch lasse ich es stehen, weil es wenigstens den Stand der Dinge für künftige Anordnungen bezeichnet. Nur vergaß ich noch eines von Effenberger berührten Punktes zu erwähnen, daß nämlich, da es so viele von Geistlichen besetzte Gymnasien in Böhmen gibt, es einen günstigen Eindruck gemacht hätte, wenn einer der Inspectoren aus diesem Stande wäre gewählt worden. Jedenfalls wäre demnach eine schickliche Gelegenheit zu benützen, um das in Effenberger zurückbleibende Gefühl der Kränkung zu vermindern und die öffentliche Stimmung über dessen Zurücksetzung, als wäre dieser so geeignete Mann dennoch als untauglich befunden worden, zu beschwichtigen. Dies um so mehr, da in dem hohen Schreiben vom 8. Februar wirklich von der Inspectorstelle die Rede gewesen ist, die aber freilich in dem Eigenhändigen vom April nicht wieder genannt worden. Wie tief übrigens Effenberger von der anhänglichsten Wertschätzung seines edlen Gönners durchdrungen ist, bezeugte mir auch die Art und Weise, wie er von eben diesen beiden hohen Schreiben, sie mir vorweisend, sprach, sodaß er sich durch dieselben außergewöhnlich geehrt fühlt. Ich empfinde selbst die Unschicklichkeit dieser meiner vielen Worte, allein die Gefühle, die ich für den liebenswürdigen Empfänger derselben in mir trage, verleiteten mich zu dieser – Thorheit, ja wollen damit sich entschuldigen, daß sie ja nicht gegen den Minister sich verlautbaren, sondern gegen den alten schlichten Menschenfreund, welchen einst Bolzano veranlaßte, den Schreiber in seiner ärmlichen Zelle aufzusuchen, um durch seine ganze edle Erscheinung ihm Trost und Freude zu schaffen. – Claudite jam rivos, pueri, sat prata biberunt.