Info

Dokument Entwurf von Leo Thun für einen Zeitungsartikel
o. D.1
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D636
Regest

Leo Thun äußert sich in dem Entwurf für einen Zeitungsartikel zur unangemessenen Reaktion der ehemaligen Reichstagsdeputierten an der Kritik am Reichstag. Er findet, dass man als Angehöriger einer Körperschaft oder Institution nicht persönliche Eitelkeiten auf die Einrichtung, der man angehört, übertragen solle.

Beilagen, Anmerkungen

Eigenhändiges Konzept von Leo Thun.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
License eXist-db

Transkription

    Empfindlichkeit der Herren Exdeputirten

    Dem Menschen ist die sonderbare Eigenschaft eigen, daß er auf jede Körperschaft, auf jede Gesammtheit, deren theiliges Glied er ist, seine persönliche Eitelkeit und Selbstgefälligkeit überträgt. Sobald er einer Körperschaft angehört, mag er die Fehler nicht mehr sehen, die sie wirklich hat, selbst dann nicht, wenn sie nicht sowohl ihm als anderen Gliedern zur Last fallen, um so mehr freilich, wenn er sie selbst mitverschuldet.
    Wer Personen kennt, der[sic!] im Staatsdienste nach und nach verschiedenen Behörden der fachweiten bürokratischen Hierarchie angehörte, hat gewiß so gut wie wir beobachtet, wie sie von einer auf die andere ihre Verblendung und Empfindlichkeit zuwandten. Der Praktikant im Gubernium war ganz erfüllt von der Würde und Weisheit dieser hohen Landesbehörde und konnte sich nicht genug ärgern über die Albernheit und Arroganz der Kreisämter, wenn sie mit den hohen Gubernialverordnungen nicht einverstanden waren. Kam dann der Herr Praktikant in das Kreisamt hinaus, so war er in Kurzem von der Überzeugung durchdrungen, daß nichts verdrießlicher sei als die Gubernialverordnung, mit der das Gubernium immer alles besser machen wolle und jede Rüge, jede Betreibung, die dem Kreisamte im Allgemeinen zu Theil wurde, verletzte ihn auf das Empfindlichste. Erlaubte sich gar eine Partei über das Kreisamt zu räsoniren, so fühlte er sich gar gekränkt, wenn auch der Vorwurf sich auf Mängel bezog, die objektiv unbestreitbar waren. Gerade so geht es nun den Herren Exdeputirten. Sobald wailand dem hohen Reichstag ein Vorwurf oder eine Ausstellung gemacht wird, gebährden sie sich wie der Truthahn, wenn er ein rothes Tuch sieht, ob es gleich gar nicht in der Absicht getragen wurde, ihn damit zu reizen. Ja die Adresse, welche sich für das vorläufige Festhalten an der Verfassung vom 4. März ausspricht, enthält eine obgleich sehr schonende Kritik des Reichstages, darum sind die Herren Exdeputirten sichtlichst aufgebracht darüber.