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Dokument Rudolf Eitelberger an Leo Thun
Venedig, 28. Juli 1857
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D428
Regest

Der Kunsthistoriker Rudolf Eitelberger berichtet erneut über Ruggiero Bonghi. Zunächst entschuldigt er sich jedoch für seine späte Rückmeldung. Dann äußert er sich – der Bitte Thuns entsprechend – über die politische Einstellung Ruggiero Bonghis. Eitelberger wurde von mehreren Personen, die Bonghi kennen, versichert, dass dieser politisch unbedenklich sei und weit entfernt von demokratischen Tendenzen stehe. Eitelberger bemüht sich jedoch, nähere Informationen zu Bonghi zu erhalten. In der Zwischenzeit sendet er die greifbaren Schriften Bonghis an Sektionsrat Joseph Mozart.

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Transkription

    Euer Excellenz!

    Ich bitte zu entschuldigen, daß ich das werthe Schreiben vom 13. Juli erst heute beantworte. Auf Reisen ist man nicht immer Herr seiner Zeit und seiner Launen, und so ist es gekommen, daß ich Mitte Juli plötzlich von Verona nach Ravenna reiste, nachdem ich in Brescia in einer verlassenen Kirche, die gegenwärtig als Militärmagazin dient, und nicht ganz mit Unrecht dem Langobardenfürsten Luitprand zugeschrieben wird, Kapitäle fand, welche eine entschiedene Verwandtschaft mit den Bauten Ravennas, so weit ich sie damals kannte, hatten. Theils um meine Wahrnehmung zu verificieren, theils um die altchristlichen Monumente Ravennas kennen zu lernen, reiste [ich] so schleunig als möglich über Modena und Bologna nach Ravenna und kam heute, nach einem mehr als 8tägigen Aufenthalte in dieser Stadt, die für die altchristliche Baugeschichte nach Rom die wichtigste Italiens ist, in Venedig an, wo ich den Brief Euer Excellenz posta restante fand.
    Ich beeile mich wenigstens einen Theil desselben sogleich zu beantworten. Bonghis Lettere critiche1 werde ich im Laufe dieser Woche an Herrn Sektionsrath Mozart senden.
    Bonghis Arbeit über Aristoteles 2 konnte ich weder in der Bibliothek Marciana, noch in irgend einem Buchhandel finden, glaube auch nicht, daß sie in irgend einer öffentlichen Bibliothek oder Buchhandlung des lombardo-venetianischen Königreichs zu finden ist. Wenn es mir einigermaßen möglich ist, näheres hier über dieses Werk zu erfahren, werde ich es sogleich Herrn Mozart mittheilen.
    Was den politischen Charakter Bonghis betrifft, so habe ich von keiner Seite auch nur das geringste gehört, was in mir den Verdacht erregen könnte, er gehöre destruktiven Richtungen an. Im Gegentheil ist mir von Personen, die ihn persönlich genau kennen, versichert worden, daß sein ganzes Wesen, weit entfernt demokratisch zu sein, von Hause aus etwas aristokratisch-Vornehmes habe, das sich mit demokratischen Elementen nicht verträgt. In diesem Moment kann ich nicht angeben, wo ich diese Freunde Bonghis, die ich kennen lernte, treffen kann, ich werde aber jedenfalls Alles aufbieten, um die Wünsche Eurer Excellenz in möglichst kurzer Zeit zu befriedigen.
    Ich bitte, die Flüchtigkeit dieser Zeilen zu entschuldigen. Ich selbst bin von dem letztem Ausfluge nach Ravenna in dieser außerordentlich heißen Zeit todtmüde und wünschte doch, das Schreiben Eurer Excellenz sogleich zu beantworten, bevor Euer Excellenz Wien verlassen.

    Mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit
    gehorsamstest
    Eitelberger Prof.

    Venedig 28. Juli 1857