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Dokument Rudolf Eitelberger an Leo Thun
Wien, 22. März 1855
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D335
Regest

Der Kunsthistoriker Rudolf Eitelberger legt Minister Thun mit diesem Brief einen Aufsatz über die Geschichte und die Bedeutung der Philosophie für die Universitäten vor. Gleichzeitig erbittet er vom Minister, dass den Vorständen der Seminare an der Wiener Universität von Seiten des Ministeriums mitgeteilt werde, dass die Lehramtskandidaten zum Besuch seiner Kollegien verpflichtet seien. Diese Verpflichtung hatte ihm nämlich der Minister persönlich mitgeteilt, den Vorständen der Seminare und den Studenten allerdings nicht.
In dem beigelegten Aufsatz konstatiert er zunächst, dass die Philosophie aktuell nicht mehr als erste und führende Wissenschaft angesehen werde. Außerdem werde die Philosophie aktuell stark von den Naturwissenschaften beeinflusst. Er sieht darin jedoch keinen Verfall der Philosophie. Vielmehr habe es in der Geschichte stets Phasen gegeben, in denen die Philosophie einmal größere, einmal kleinere Geltung besaß. Er ist allerdings davon überzeugt, dass die Philosophie nie untergehen werde, weil sie ein Teil des menschlichen Seins sei. Umso wichtiger sei, die Geschichte der Philosophie stärker zu erforschen. In der Folge versucht er zu beantworten, welchen Wert die Geschichte der Philosophie für die Philosophie als Wissenschaft besitze. Dabei betont er die Notwendigkeit, dass ein Philosoph Kenntnis der Gedanken seiner Vorgänger haben müsse, um selbst zu einer tieferen Kenntnis der Welt zu gelangen, bzw. um seine eigenen Gedanken in Ablehnung oder Anlehnung an seine Vorgänger gestalten zu können. Außerdem erinnere die Geschichte der Philosophie stets an die grundlegenden Probleme, mit welchen sich die Philosophie beschäftigen müsse. Nicht zuletzt erforsche und bewahre die Geschichte der Philosophie das 'Material', die Texte der Philosophen und halte sie so zur Verfügung der Philosophen. Anschließend behandelt er die Ursachen und Bedingungen des aktuellen Aufblühens der Geschichte der Philosophie. Als dritten Punkt behandelt er den Nutzen der Geschichte der Philosophie als Gegenstand für Vorlesungen. Die Geschichte der Philosophie könne aus seiner Sicht nicht die Grundlage und auch nicht der Ersatz für ein gründliches Studium der Philosophie sein. Sie soll nur eine fruchtbare und notwendige Ergänzung darstellen. Zuletzt betont Eitelberger die Wichtigkeit von Vorlesungen über Geschichte der Philosophie für Juristen.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Eh. Aufsatz von Rudolf Eitelberger "Über Geschichte der Philosophie und ihre Bedeutung für Universitäten".

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Transkription

    Euer Excellenz!

    erlaube ich mir in diesem Briefe zwei Bitten vorzutragen, Eine betrifft beiliegende Blätter, die Andere meine Person.
    Euer Excellenz waren so gnädig gewesen, sich mehrmals mit mir über Geschichte der Philosophie zu besprechen. Beiliegende Blätter sollen als Ergänzung meiner Worte dienen. Sie behandeln die einschlägigen Antworten in kürzester Form, und sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Ich bitte, diese Blätter mehr nach dem, was sie anstreben, als dem, was sie erfüllen, aufzunehmen.
    Eine andere Sache betrifft meine zweite Bitte. Ich bin in meinem Dekrete zu unentgeltlichen Vorlesungen für Lehramtskandidaten verpflichtet, welche praktisch und demonstrativ sein sollen. Diese Vorlesungen sind im Sommersemester im akademischen Museum der Gipsabgüsse, im Winter jetzt dadurch ermöglicht, daß an der Akademie im Laufe dieses Winters das Materiale für mittelalterliche Kunst vielfach ergänzt wurde.
    Ich werde daher für jedes Sommercollegium ein praktisches Collegium über antike Kunstarchäologie, für jedes Wintercollegium ein praktisches Collegium über mittelalterliche Kunstarchäologie ankündigen.
    Der Ausführung meiner Verpflichtung steht nur Ein Hindernis im Wege. Es ist bis jetzt den Vorständen der Seminarien nicht bekannt gegeben worden, daß mir eine solche Verpflichtung auferlegt wurde, daß die Teilnahme der vorgeschritteneren Lehramtskandidaten ein Wunsch des hohen Ministeriums sei.
    Ohne eine solche Weisung können die betreffenden Professoren die Lehramtskandidaten zu einer solchen Theilnahme nicht auffordern.
    Meine Bitte geht nun dahin, an die betreffenden Vorstände der Seminarien eine Weisung in dem angedeuteten Sinne zu erlassen.
    Mit dem Ausdruck tiefster Verehrung zeichnet sich

    Euer Excellenz
    ergebenster
    Eitelberger

    Wien den 22 März 1855

    Über Geschichte der Philosophie und ihre Bedeutung für Universitäten

    In der Philosophie ist ein Umschwung eingetreten. Sie hat aufgehört, die Geister vorzugsweise zu beschäftigen, sie hat aufgehört, sich in Opposition gegen Staat und Kirche zu setzen, zu der sie weniger durch die großen Philosophen selbst, als durch Geister zweiten Ranges und äußere Verhältnisse gedrängt worden ist. Sie gewinnt eine selbständige Stellung neben den anderen Wissenschaften wieder, nachdem sie erfahren hat, daß sie nicht über allen dominierend und tonangebend stehen kann. Sie kann sich des Einflußes nicht erwehren, den in dieser Beziehung die positiven Wissenschaften und die exakten auf sie ausüben.
    Nichts ist gefährlicher für die Entwicklung des menschlichen Geistes, als Einseitigkeit. Die menschlichen Fähigkeiten sind so mannigfaltig, daß Eine Richtung allein sie weder befriedigen noch ausmessen kann. Nachdem die philosophischen Systeme so lange nach Einer Seite hin thätig gewesen sind, ist nun eine Art Stillstand eingetreten, und nicht bloß dem philosophischen Denken feindliche Geister, sondern auch solche, welche philosophisch gebildet sind, haben sich positiven Studien, historischen oder naturwissenschaftlichen Richtungen zugewendet. So sieht man treffliche Denker, Trendelenburg in Berlin, Lotze in Göttingen, Waitz in Gießen usf. mit philologischen oder naturwissenschaftlichen Fragen sich beschäftigen, so blickt in den Schriften von Stahl, Köstlin und anderer Rechtsgelehrten die philosophische Bildung deutlich durch, so betreiben Männer wie Savigny und Puchta positive Studien nicht aus prinzipieller Feindschaft gegen philosophisches Denken.
    Historische, naturwissenschaftliche mehr oder minder positive Studien haben jetzt die Philosophie in der Hegemonie abgelöst, welche diese früher allein beanspruchte. Hat damit die Philosophie aufgehört zu sein? Hat sie deßwegen ihre bildende, erziehende Kraft verloren? Mit Nichten.
    Es hat mehrmals in der Kulturgeschichte Perioden gegeben, welche der gegenwärtigen gleichen. Es hat im Alterthume Perioden [ge]geben, wo die Philosophie an der Spitze der geistigen Bewegung stand, im Mittelalter haben Scholastiker, Nominalisten und Realisten eine Zeit hindurch in der Wissenschaft ausschließlich geherrscht, und sind in den wichtigsten Fragen jener Zeit mit zu Rathe gesessen; die neuere Zeit, welche über ein größeres geographisches Kulturgebiet sich ausbreitet, als Alterthum und Mittelalter, hat mehr als Einmal das Steigen und Fallen philosophischer Gedanken in der Wagschaale der Wissenschaft registriert. Sie ist in der Gegenwart in den Hintergrund getreten – sie wird wieder in den Vordergrund treten.
    Wer eine feinere Beobachtungsgabe für die Bewegungen auf wissenschaftlichen Gebieten der Gegenwart hat, wird leicht bemerken, daß in den Naturwissenschaften, in der Jurisprudenz und Theologie Fragen erörtert oder wenigstens angeregt werden, die nur ein philosophisch gebildetes Denken lösen kann.
    Es giebt zwar einige Stimmen, die aus der bescheidenen Stellung der Philosophie einen Schluß auf ihre Entbehrlichkeit und ihren Verfall ziehen. Diese Ansichten gehen meist von denen aus, welche sich ausschließlich mit positiven Studien beschäftigen, ihre geistige Kraft daher für Philosophie unempfänglich gemacht und abgestumpft haben, oder jenen, die sich selbst nie damit beschäftigt haben, und von sich auf alle anderen schließen; oder endlich von Mathematikern oder Männern der Naturwissenschaften, welchen die spiritualistische Tendenz, die fast jeder Philosophie inne wohnt, unbehaglich ist. Glücklicherweise hängt die Existenz einer jeden Wissenschaft nicht von der Gnade ihrer Gegner ab – sondern von der geistigen Kraft, welche in ihren Keimen schon in den menschlichen Geist gelegt wurde, und sich so heraus entwickelt und befestigt hat.
    Die Philosophie überhaupt ist stärker in der Defensive, als in der Offensive – immer am mächtigsten dann gewesen, wenn sie verfolgt wurde. Sie ist kein bloßes Machwerk des Menschen; sie gehört zu seinem Berufe.
    Aber es ist begreiflich, daß eine Überschau der philosophischen Systeme in ihrer geschichtlichen Entwicklung jetzt, mehr als je an der Zeit ist. Fast jedes größere philosophische Werk beginnt mit einer solchen Rückschau. Zuviel Gedankensysteme kreuzen sich in der Gegenwart, als daß es nicht wünschenswerth wäre, deren Ursprung wissenschaftlich zu erörtern.
    Die nachfolgende Skizze, von der Voraussetzung ausgehend, daß Geschichte der Philosophie ein Bedürfnis sei, erörtert in kürzester Form drei Fragen:
    Erstens. Welchen Werth hat die Geschichte der Philosophie für die Philosophie als Wissenschaft
    Zweitens. Welches sind die Ursachen und Bedingungen des Aufblühens der Geschichte der Philosophie, und
    Drittens. Die Geschichte der Philosophie, als Gegenstand für Universitätsvorlesungen

    I. Welchen Werth hat die Geschichte der Philosophie für die die Philosophie, als Wissenschaft?
    Die Bedeutung der Geschichte einer jeden Wissenschaft für diese selbst ist verschieden, je nach der Wissenschaft selbst. Es giebt Wissenschaften, welche die Resultate sämmtlicher Forschungen so vollständig in sich aufnehmen, daß die Geschichte dieser Wissenschaften nur ein historisches oder gelehrtes Interesse abgewinnen kann; der Werth einer solchen Geschichte ist daher nur ein sekundärer für die Wissenschaft selbst. Man kann ein großer Mathematiker sein, ohne darauf Anspruch zu machen, die Geschichte der Mathematik als solche mit wissenschaftlicher Gründlichkeit zu kennen, man kann ein großer Chemiker sein, ohne auch nur im Entferntesten Notiz genommen zu haben von den Bestrebungen des klassischen Alterthums und des Mittelalters auf chemischen Gebieten. Es giebt eine ganze Reihe von Wissenschaften, bei denen es ihrer selbst willen nicht unbedingt nöthig ist, sich mit der Geschichte derselben zu beschäftigen, und die Frage ihres Ursprunges und ihrer Fortbildung wissenschaftlich zu erörtern.
    Es giebt aber auch Wissenschaften, die um ihrer selbst willen, eine mehr oder minder gründliche Behandlung ihrer Geschichte von allen denen verlangen, welche sich mit ihr beschäftigen, wo man sich im Besitze des Objektes einer solchen Wissenschaft nur durch ein Studium der Geschichte derselben setzen kann. Dahin gehören die historischen Wissenschaften selbst, dahin gehören jene Wissenschaften, die eine positive Grundlage haben, oder deren Objekt selbst, in folge historischer Prozesse geworden, daher nur durch das Eingehen in diese selbst gewißermaßen wiedergewonnen werden kann, das heißt die theologischen und juridischen Wissenschaften.
    Bei den historischen, theologischen und juridischen Wissenschaften bringt es die Natur derselben mit, daß die Männer der Wissenschaft sich mehr oder minder mit der Geschichte derselben, oder mit der Geschichte einzelner Zweige derselben beschäftigen, und eine Geschichte dieser Wissenschaften entweder für nützlich oder für unentbehrlich halten. Gänzlich kann die Geschichte dieser Wissenschaften nicht umgangen werden, man muß wenigstens Notiz von dem nehmen, was in früheren Jahrhunderten auf diesen Gebieten gedacht, geforscht und angestrebt wurde.
    Anders ist es mit der Philosophie. Ihre Macht ruht in dem des Gedankens als solchem. Sie hat ihr Objekt nicht in der Außenwelt vorliegend, wie die Naturwissenschaften, ihr Objekt ist kein gegebenes, weder durch eine göttliche noch menschliche Satzung. Sie hat daher keine ausschließlich positive Grundlage, wie theologische Wissenschaften, keine vorzugsweise geschichtliche Grundlage, wie die historischen oder Rechtswissenschaften. Sie geht neben allen diesen Wissenschaften einher, ihr eigenes Gebiet mit den Worten des Archimedes wahrend: noli turbare circulos meos! Der Werth der Geschichte der Philosophie muß nicht nach dem Werth gemessen werden, den die Geschichte anderer Wissenschaften für diese hat. Er muß aus ihr heraus erklärt und festgestellt werden.
    Daraus erklärt sich der Gebrauch, den alle großen Philosophen von der Geschichte der Philosophie gemacht haben. Sie haben bei ihren Studien in Geschichte der Philosophie mehr oder minder einen Anknüpfungspunkt an frühere Systeme gesucht, die theilweise auch die Ausgangspunkte ihrer Forschungen geworden sind. So knüpfte Schelling und Hegel theilweise an Spinoza an, die Herbart’sche Schule griff häufig nach Leibnitz zurück, Kant fußte auf Hume und Locke, die französischen Denker gehen mitunter auf René Descartes zurück, die englischen auf Baco von Verulam, - die Scholastiker des Mittelalters, die großen Denker des christlichen Alterthumes fußen theilweise auf Aristoteles und Plato, wie die arabischen Denker Averroës und Avicénna; kurz jede größere philosophische Richtung knüpft in irgend einer Weise ihre Gedankenwelt an eine frühere an, indem sie diese fortsetzt und fortbildet, oder ihr entgegentritt und Neues hinzustellen sucht. Aber die geistige Kraft eines Systemes ruht nicht auf dieser geschichtlichen Grundlage, sondern es hat in dem treibenden Gedanken sein Fundament, den es in seinem Prinzipe, seiner Methode und deren Konsequenzen enthüllt.
    Jeder Philosoph, der Philosoph von Beruf ist, zieht sich dahin auf seine Gedankenwelt zurück, bildet diese in seiner eigenthümlichen Weise aus, und nimmt auf andere frühere oder gleichzeitige Systeme nur insofern Rücksicht, als es zur Ausbildung, Läuterung oder Vertheidigung seines Systemes nothwendig ist. Wenn man daher wissen will, was Geschichte der Philosophie für Philosophen ist, so muß man nicht die Gegner der Philosophie, sondern die Philosophen selbst zu Rathe ziehen. Und sicher wird jeder, der die rein philosophischen Fundamentalwerke philosophischer Systeme vor sich gehabt hat, als: Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Phänomenologie des Geistes und Logik, Herbarts größere Metaphysik, die Ethik Spinoza’s, das Organon und die Metaphysik des Aristoteles und andere mehr. Ich sage Jeder, der diese Werke kennt, der wird darin bestättigt finden, daß Geschichte der Philosophie, Philosophen etwas ganz Anderes ist, als es Laien in der Regel scheint.
    Die Geschichte der Philosophie hat daher für die Wissenschaft der Philosophie nicht die Bedeutung, als ob gewißermaßen ein System das andere widerlegt oder aufgehoben hätte. Die Philosophie macht es mit ihren Systemen nicht so wie Kronos, der seine Kinder kaum erzeugt und geboren, wieder verschlingt, um wieder neue zu erzeugen.
    Die Geschichte der Philosophie ist kein Aggregat von bloßen Systemen, keine bloße nach historischen Grundsätzen abzufassende geschichtliche Erzählung des Lebens und der Grundsätze der verschiedenen Philosophen. Wäre sie bloß das, so würde sie nicht unähnlich sein einer Geschichte von Irrfahrten auf dem Gebiete des menschlichen Geistes. Die Geschichte der Philosophie, kann ohne Einsicht in die treibenden Gedanken derselben nicht unternommen werden. Ohne diese bleibt die Geschichte der Philosophie ein verschlossenes Buch, eine Schrift, deren Züge man wahrnimmt, ohne ihren Sinn zu verstehen.
    Die Geschichte der Philosophie in ihrer Totalität, bildet nicht den Ausgangspunkt der gegenwärtigen Philosophie. Nicht mit der Kritik der philosophischen Systeme kann eine Philosophie anheben oder von einer solchen ausgehen. Eine Kritik philosophischer Systeme kann erst unternommen werden, wenn man sie selbst in den Besitz der Principien eines Systemes gesetzt hat. Was Archimedes dem König Hiero zurief: „Gieb mir einen Punkt, wo ich stehe, und ich will die Erde bewegen.“ Dies gilt gewißermaßen von der Philosophie, die zur Bewegung der Gedankenwelt Anderer einen festen Punkt braucht, auf dem sie steht. Diesen Punkt findet sie in ihren metaphysischen Principien. Diese als solche sucht sie festzustellen. Von diesen geht sie aus und reicht über Jahrhunderte hinüber verwandten Geistern die Hand; aber von einem Überblicke, von einer kritischen Einsicht in die Geschichte der Philosophie hebt die Philosophie nicht an, damit endet sie, wenn sie ihr System in sich abgeschlossen und beendet hat. Wie die Methode philosophischen Forschens und Denkens weit entfernt ist von der so genannten geschichtlichen Methode, so ist auch die Geschichte der Philosophie etwas ganz Anderes für Philosophie, als die Geschichte jener Wissenschaften, bei denen die historische Methode in Anwendung kommt, für diese Zweige der Wissenschaft ist.
    Für die Wissenschaft der Philosophie hat die Geschichte der Philosophie eine doppelte Bedeutung:
    Erstens – und das ist ihre vorzüglichste, wenn auch von der Laienwelt am wenigsten beachtete – hält die Geschichte der Philosophie aufrecht die Probleme der Philosophie selbst, damit diese selbst nicht vergessen werden, wenn die Philosophie einer bestimmten Zeit entweder ausschließlich oder mit besonderer Vorliebe einzelne Probleme behandelt, andere bei Seite liegen läßt, – oder wenn die Gedankenbewegung einer Epoche die Fortbildung der rein philosophischen Probleme oder die Ausbreitung ausgebildeter und gelöster Probleme in den Hintergrund drängt. In beiden Fällen hat die Geschichte der Philosophie eine große Aufgabe zu erfüllen. In dem Einen Falle rettet sie die Philosophie selbst vor Vergessenheit oder Verkennung, in dem anderen Falle hingegen tritt sie der Einseitigkeit herrschender Systeme mit Hinweisung auf verschollene, oder gering geachtete Probleme, welche Denker einer früheren Zeit zum Objekte ihres Denkens gemacht haben, entgegen. Diese Aufgabe hat die Geschichte der Philosophie in unseren Tagen zu erfüllen, wo sich die philosophische Spekulation in Verfolgung ihrer Grundsätze in einseitigen Anschauungen verrannt hat, und wo von den Gegnern der Philosophie ihr Objekt streitig gemacht wird. Letzteren hat sie die Aufgabe der Philosophie als solcher aus ihrer geschichtlichen Entwicklung nachzuweisen, ersteren hat sie die Lücken aufzuzeigen, die sich in der gegenwärtigen Gedankenwelt im Vergleiche mit der älterer Perioden vorfinden.
    Zweitens hat die Geschichte der Philosophie für die Philosophie selbst insoferne eine Bedeutung, als sie als „Geschichte“ ausgehend von den Grundsätzen geschichtlicher Forschung ein wissenschaftlich festgestelltes Material für eine Reihe wichtiger, wenn auch für die Philosophie oft sekundärer Daten liefert. Sie bringt den kritisch gesichteten Apparat gelehrter Bestrebungen im literarisch-biographisch-bibliographischen Theile; sie bringt kulturhistorisch wichtige Momente aus der Entwicklungsgeschichte der Philosophie; sie stellt die Systeme der Philosophien nach dem Urtexte genau und gewissenhaft hin. Sie unterstützt daher den Philosophen als solchen in solchen Dingen, die er selbst zu bearbeiten in den seltensten Fällen Muße und Neigung hat.
    Darin liegt der Werth und die Bedeutung der Geschichte der Philosophie für die Philosophie.

    II. Welches sind die Ursachen und Bedingungen des Aufblühens der Geschichte der Philosophie?
    Die Geschichte der Philosophie geht aus den wissenschaftlichen Bedürfnissen einer Zeit hervor, die sich über philosophische Systeme als solche orientieren will. Sie beginnt erst dann, wenn die Philosophie selbst eine größere Reihe von Systemen hervorgerufen hat, und nicht bloß eine Vertiefung, sondern auch eine Verbreitung von philosophischen Gedanken eingetreten ist. Aristoteles ist unter den griechischen Philosophen der erste, der in seiner Metaphysik, in der Schrift „Über die Seele“ in kleineren ihm zugeschriebenen Abhandlungen über Melissos, Xenophanes und Gorgias usf. eine Geschichte der Philosophie Griechenlands giebt. Seit Aristoteles scheint es bei griechischen und römischen Denkern Regel geworden zu sein, geschichtliche Überblicke bei passender Gelegenheit vorzunehmen. Diese Überblicke aber geschehen durchaus nur, um Einsicht in die Prinzipien und Ideen der Philosophen zu bekommen. Aller gelehrter biographischer oder literarischer Apparat fällt weg. Erst in späteren Zeiten scheint, wie uns Diogenes Laërtius zeigt, oder wie Beispiele in der Literatur der Alexandriner vorkommen, Geschichte der Philosophie selbständig behandelt worden zu sein.
    In den neueren Zeiten wird Geschichte der Philosophie seit den Bestrebungen des Augsburgers J[ohann] J[akob] Brucker 1 fast ausschließlich von Deutschen behandelt. Die meisten deutschen Werke sind in fremde Sprachen übersetzt worden, erst jüngst das kleine Kompendium von Tennemann (bei uns, längst veraltet und unbrauchbar geworden) in das Italienische2; – in Italien wurde es fast auf den Index gesetzt, in Oesterreich wurde es früher an sehr vielen philosophischen Fakultäten gebraucht, wo Geschichte der Philosophie als außerordentlicher Gegenstand in einem zweistündigen Colleg gelesen wurde.
    In Oesterreich wurde bisher Geschichte der Philosophie fast gar nicht betrieben. Sie ist die Frucht philosophischer Bestrebungen. Wo diesen selbst kein Spielraum gewährt wird, wo, wie es früher der Fall war, jedes Streben auf philosophischem Gebiete von Staat und Kirche gleichmäßig entweder verfolgt, oder mit mißtrauischem Auge beobachtet wurde – wer kennt nicht die Angriffe selbst auf Männer wie Likawetz, Rembold, Lichtenfels usf.? Wer weiß nicht, daß bis jetzt jedes philosophische System mit einem Damnatur belegt wurde? Da war selbst ein bloßer Versuch eine gewagte Sache, unternommen mit gebrochenem Muthe, mit Schwanken und zagenden Gedanken. Haben da wohl die Versuche von Lichtenfels, Hanusch und Stanke einen anderen als kulturhistorischen Werth? Bezeugen sie etwas anderes, als den Mangel eines wissenschaftlichen Bodens, den Mangel einer wissenschaftlichen Bestrebungen gegenüber duldsamen Zeit? Wie steht das Gebäude deutscher Gedankenwelt in sich geschlossen und erhaben? Seine leuchtenden Strahlen wirft es gegenwärtig über die ganze gebildete Welt; seine Macht müssen selbst seine Gegner anerkennen, die philosophisch gebildeten Geister Amerikas, Englands, Frankreichs und Italien knüpfen an die Resultate deutscher Philosophie an.
    In Deutschland waren zwei Umstände den Bestrebungen auf dem Gebiete der Geschichte der Philosophie günstig:
    Erstens, war und ist seit mehr als Einem Jahrhundert das philosophische Denken ein geduldetes, oft ein begünstigtes, selten etwas Verpöntes. Es war daher immer ein lebendiges Bedürfnis vorhanden, sich um die Gedankenwelt früherer Zeiten zu bekümmern, sich mit dem großen Strome menschheitlicher Bildung in Berührung zu setzen.
    Zweitens, waren auch die Vorbedingungen – historisch-philologische Bildung, der Geist wissenschaftlicher Kritik – vorhanden, um zu den Urquellen nicht mit gebundenen Augen, nicht mit verschlossenen Sinnen zu gehen.
    In Oesterreich fehlte beides. Nur die Günther’sche Philosophie hatte Boden gewonnen, und sich in größeren systematischen Werken auf rein philosophische Fragen eingelassen. Sie war zwar auf Lehrkanzeln fast gar nicht zugelassen, in der Literatur aber geduldet, weil sie sich bestrebte, die Dogmen der katholischen Kirche gegen ihre protestantischen Gegner durch spekulative Raisonnements zu vertheidigen. Günther, Pabst, Veith, Hock, Löwe hatten auch Geschichte der Philosophie betrieben; sie hatten zum Theil die neuere deutsche und französische Philosophie, nachdem der Standpunkt einmal gewonnen war, beleuchtet, und im Zusammenhange erörtert, oder sich – wie Hock in früherer Zeit, Löwe in der jüngsten – in älteren Philosophen nach Anknüpfungs- und Stützpunkten umgesehen, vorzugsweise nach Cartesius.
    Neben der Güntherschen Philosophie waren es nur Herbartianer und Bolzanisten, die sich in kleinerem Maßstabe aus denselben Bedürfnissen mit anderen älteren oder neueren Systemen beschäftigten, z.B. Exner polemisch gegen die Hegelsche Psychologie und Rosenkranz, Zimmermann mit Leibnitz; letzterer jedoch erst in der jüngsten Zeit.
    In der Gegenwart hat sich vieles gebessert. Der Wissenschaft ist ein selbständiger Boden eingeräumt worden. Philologische und historische Wissenschaften, früher nur zu pädagogischen oder propädeutischen Zwecken betrieben, werden ihrer selbst wegen gelehrt. Geschichte und Philologie, die Vorbedingungen selbständiger forschender Thätigkeit auf dem Gebiete der Geschichte der Philosophie umfassend und eingehend gelehrt. Es ist ohne Zweifel, daß sich in den nächsten Jahren eine Reihe jüngerer Kräfte finden wird, welche sich der Geschichte der Philosophie zuwenden dürfte.
    In allen Kreisen wird aber eine andere Befürchtung ausgesprochen. Geschichte der Philosophie wird nicht ihrer selbst willen getrieben, sondern der Philosophen wegen. Es lehren zwar gegenwärtig an drei Hochschulen (Gratz, Prag, Wien) Philosophen, oder wenigstens philosophisch gründlich gebildete Geister. Es machen sich verschiedene Ansichten an verschiedenen Hochschulen geltend. Es wird heut oder morgen kommen, daß das gesprochene Wort ein gedrucktes sein wird. Wie wird es mit der Duldung des philosophischen Gedankens in Oesterreich aussehn? Wird das System adoptiert werden, das die Philosophie nur als „Magd der Theologie“ anerkennt? Das bis jetzt über alle philosophischen Systeme den Stab gebrochen hat? Wird die große Täuschung, als ob die Philosophie todt sei, als Mehrheit an unserer Hochschule proklamiert werden?
    Welches System wird, nachdem der Güntherianismus verurtheilt, der Krausianismus verdächtigt, der Herbartianismus als atheistisch erklärt, und die älteren Systeme als rationalistisch in Bausch und Bogen über Bord geworfen wurden, welches System wird übrig bleiben? Wird dieses dann Philosophie bloß heißen oder es auch sein? An welchen Gedanken, an welche in der Philosophie anerkannten Gedanken wird sich eine Geschichte der Philosophie, eine Kritik der philosophischen Gedanken anschließen können und dürfen?
    Das sind die Fragen, welche in allen höheren wissenschaftlichen Kreisen jetzt mit Lebhaftigkeit besprochen werden, von deren Beantwortung allein es abhängen wird, ob Oesterreich in der nächsten Zukunft eine Philosophie und eine Geschichte derselben in wissenschaftlichen Werken haben wird.
    Die Philosophie verlangt vom Staate keine Protektion; sie verlangt von Kulturstaaten nur Duldung. Sie bricht sich dann leicht Bahn. Die Geschichte der Philosophie seit Descartes und Spinoza hat es gezeigt, daß die Macht der Philosophie nicht an Personen oder Bücher gebunden ist. Die Menschheit braucht die Philosophie, als selbständige geistige Potenz. Sie hat dieselbe zu keiner Zeit entbehren können. Wird unsere von materiellen Interessen überfluthete Zeit sich ihr entziehen, wird sie es missen können, daß die höchsten Fragen menschlichen Denkens läuternd, erhebend und beruhigend auf die Geister der wissenschaftlich gebildeten Welt hinübergreifen? Den Naturwissenschaften, der Mathematik, der Industrie überläßt man es ruhig – da muß man es wohl – in der großen Hälfte der Welt den Materialismus zum Lebensgesetz erheben, wird man der Philosophie, der geborenen Gegnerin bloß materieller Bestrebungen, es wehren wollen, ideelle Interessen zu vertreten? Hand in Hand gehend mit den geistigen Bestrebungen zur Hebung der Kultur im Staate verliert sie ihre ätzende Schärfe. Sie ist unter Perikles und Alexander dem Großen, unter Hadrian und Antonin mit den höchsten Trägern der Staatsgewalt gegangen; sie hat mit großen Päbsten des XV bis XVI Jahrhunderts, mit den Mediceern gemeinschaftlich die Kultur Italiens begründet; sie hat sich nicht hineingemischt in die Reformationsbestrebungen Luthers, sie hat in Deutschland keine Revolutionsbewegung hervorgerufen, wo ihr an einzelnen Höfen und Hochschulen eine ruhige Stätte geboten wurde, während die Verfolgungen in Frankreich die philosophischen Geister zur Opposition gegen die Staatsgewalt drängten. Fast alle Philosophen Deutschlands im und seit dem Jahre 1848 stehen, wenn nicht auf Seit der streng konservativen, so doch der gemäßigten Parthei. Kein Philosoph hat sich an den Revolutionswirren direkt betheiligt. Der Natur der Philosophie ist dieß zuwieder. Wird man sich aller Orten dieser Thatsachen erinnern, wird man sich erinnern, daß zu der Zeit, wo Hegel, Spinoza, Kant in Oesterreich verboten war, ihre Schriften am meisten gelesen wurden, und daß der [sic!] Verbot von Schriften und Lehren am meisten beitrug, die Philosophie als Angriffswaffe gegen den Staat zu benützen und sie so zu mißbrauchen?

    III. Die Geschichte der Philosophie, als Gegenstand für Universitätsvorlesungen
    Geschichte der Philosophie wird beinahe an allen Universitäten gelesen. Der Gegenstand greift zu sehr in die verschiedensten Zweige menschlichen Wissens ein, ist zu einer universellen Geistesbildung zu nothwendig, und an und für sich auch zu reizend, als daß nicht jeder strebende Jüngling wenigstens eine Übersicht der Hauptsysteme kennen zu lernen wünschen sollte. Wer sich dann mit Geschichte der Kultur, mit alter Geschichte oder mit klassischen Studien beschäftigt, der ist genöthigt, in einzelne Details tiefer einzudringen. Der Candidat der Theologie und Jurisprudenz und endlich jener, der sich der Philosophie als Fach zuwendet, muß endlich ein mehr oder minder umfassendes Studium vornehmen.
    Geschichte der Philosophie kann aber das Studium der Philosophie selbst nicht überflüßig oder entbehrlich machen. Wer zum Studium der Geschichte der Philosophie schreitet, muß klar sein in den Grundbegriffen der Philosophie. Er muß in die Schwierigkeiten, in die Terminologie Einsicht genommen haben, er muß wissen, um was es sich in der Philosophie handelt.
    Man kann Philosophie mit der Geschichte der Philosophie eben so wenig beginnen, als Mathematik mit einer Geschichte der Mathematik. Die philosophische Propädeutik, Psychologie und Logik ist nicht geeignet, die Grundbegriffe der Philosophie klar zu machen. Das kann nur durch Metaphysik und Ethik geschehen; diese führen in das Herz der Philosophie.
    Wer mit Geschichte der Philosophie beginnt, wird entweder oberflächlich oder konfus.
    Er wird oberflächlich, weil er den tieferen metaphysischen und ethischen Fragen ausweichen muß und nur die allgemein verständlicheren, populären verstehen kann, – oder er wird konfus, weil er eine Menge philosophischer Formeln im Kopfe haben wird, und es ihm unmöglich sein muß, sie zu verstehen, zu ordnen und zu übersehen.
    Es ist zwar von manchen Seiten vorgeschlagen worden (besonders von und für Juristen), daß man mit einer Geschichte der Philosophie beginnen, und tieferer philosophischer Studien entbehren könne. Ich gestehe aber, daß es mir vorkommt, jene, welche diesen Vorschlag machten, haben entweder keine Einsicht in die Eigenthümlichkeiten philosophischer Studien, oder keine Lust, Philosophie und philosophische Bildung zu fördern. Was soll es einem Juristen nützen, wenn er die ethischen Grundsätze von Kant oder Aristoteles kennen lernt, ohne zu wissen, wie diese mit den metaphysischen Grundlehren dieser Philosophen zusammenhängen? Wird Jemand die pantheistischen Lehren der Moral (z.B. Spinoza) wiederlegen können, der nicht die Grundsätze kennt, deren Konsequenzen jene sind? Wird Jemand die Lehre von der Freiheit des Willens, der Zurechnungsfähigkeit in den verschiedenen Systemen auch nur annäherungsweise begreifen, der nicht in der Ethik gründlich über Freiheit des Willens, in der Metaphysik über den Grundbegriff der Seele aufgeklärt wurde? Glaubt aber Jemand, daß es überflüßig sei, diese Fragen philosophisch erörtert zu haben, so ist es sicher ein noch unnützerer Ballast, zu wissen, was andere ältere längst schon begrabene Denker über diesen Gegenstand gedacht haben.
    Man kann nicht mit der rechten Hand die Geschichte der Philosophie herbeiziehen, und mit der linken die Philosophie vor sich stoßen. Man hat Recht, einzelne gefährliche Lehren und Lehrer von Hochschulen zu entfernen, aber man hat deßwegen nicht nöthig, die Philosophie an und für sich für nutzlos oder gefährlich, für eine bloße Sisyphusarbeit des menschlichen Geistes zu erklären, und die Geschichte der Philosophie für eine Geschichte menschlicher Bestrebungen, das Unerreichbare zu erreichen.
    Auch ist es für die Universitätsjugend nicht gleichgültig, wer Geschichte der Philosophie lehrt. Mit Nutzen können Geschichte der Philosophie nur Philosophen von Fache, – oder jene Gelehrte lehren, die eingehend Quellenstudien auf diesem Gebiete gemacht haben.
    Von Philosophen wird ein jüngerer Mann die Einsicht in den Zusammenhang philosophischer Doktrinen gewinnen, er wird tief in die Prinzipien und in die philosophische Kritik eingeführt werden. So haben es z.B. Strümpel in der Geschichte der griechischen Philosophie gethan. Der erste Band behandelt bloß die theoretische Philosophie im Zusammenhange und erklärt historisch die Genesis rein theoretischer Grundbegriffe. So hat es Schleiermacher in den „Grundlehren einer Kritik der bisherigen Sittenlehre“ Berlin 1803 gethan. Solche Bücher, Vorträge solcher Art sind unendlich belehrend und anregend. So ist das jüngere Fichte Werk „Die philosophischen Lehren von Recht, Staat und Sitte“ Leipzig 1850, so der erste Band von Stahls „Philosophie des Rechts von geschichtlicher Ansicht“ bedeutend, weil beide Werke eine von philosophischem Standpunkte ausgehende Kritik einzelner Doktrinen geben. So waren einzelne kleinere Schriften von Herbart, Trendelenburg u.a.m. auf diesem Gebiete befruchtend.
    Wenn aber Philosophen von Fach nicht vorhanden sind, welche sich mit der Geschichte der Philosophie beschäftigen, so werden mit Nutzen nur Gelehrte lesen, welche der Universitätsjugend die Quellen eröffnen, aus denen die Geschichte der Philosophie schöpft. Sie lehren, eingehend Schriftsteller behandeln und interpretieren, treten der Oberflächlichkeit, einem seichten Urtheilen entgegen, und die Schwierigkeiten überwinden, die der Lektüre älterer philosophischer Schriftsteller entgegenstehen. Dieß ist insbesonders bei solchen Schriftstellern nothwendig, die wie Plato, Aristoteles seit mehr als zwei Jahrtausenden nicht aufgehört haben, die Gebildeten aller Nationen in allen Weltgegenden zu beschäftigen. Nach diesen Richtungen hin, haben Heinr[ich] Ritter in Göttingen, Brandis in Bonn, Böckh in Berlin, u.a.m. vortrefflich gewirkt; in Oesterreich ist es gegenwärtig nur H[ermann] Bonitz, der eingehend alte Philosophen behandelt, wenn er auch nur vorzugsweise philologisch dieselben interpretiert.
    Endlich ist es wünschenswerth, wenn von Zeit zu Zeit übersichtliche Vorlesungen an Universitäten gehalten werden, theils um Standpunkte zu geben, theils um den Bedürfnissen jener Studierenden zu genügen, die nur zu einer allgemeineren Orientierung Muße haben.
    Es kann noch die Frage aufgeworfen werden, was soll die Geschichte der Philosophie jüngeren Juristen sein?
    Es scheint mir Erstens: daß die Geschichte der Philosophie Juristen das Studium der Philosophie nicht entbehrlich macht, womit ich nicht die Ansicht ausgesprochen haben will, daß die Philosophie Juristen ein obligater Gegenstand oder Gegenstand einer Staatsprüfung sein sollte.
    Zweitens: daß Geschichte der Philosophie Juristen nur dann von Nutzen sein [wird], wenn er Einsicht genommen hat in die Probleme der Philosophie im Allgemeinen und der Rechtsphilosophie im Speziellen. Dann erst wird ihm die Geschichte der Philosophie lehren, in welchem Zusammenhange einzelne Lehren und Ansichten von Rechtsphilosophen mit den philosophischen Systemen stehen, auf denen sie fußen, und auf welche Weise sich einzelne Rechtsbegriffe aus philosophischen Systemen entwickelt haben; jene Rechtsbegriffe nämlich, welche in die Rechtstheorie oder Praxis einer bestimmten Epoche übergegangen sind.
    Drittens: endlich wird das Studium der Geschichte der Philosophie dazu beitragen, den geistigen Horizont eines Juristen zu erweitern, sie wird ihn vor jener Einseitigkeit bewahren, in welche vorzüglich jene Studierenden zu verfallen drohen, die sich ausschließlich positiven Studien zuwenden, und bei diesen Studien den Broderwerb vor Augen haben.