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Dokument Josef Dittrich an Leo Thun
Budissin [Bautzen],10. August 1849
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D1
Regest

Josef Dittrich teilt Leo Thun seine Ansichten zur Nachbesetzung des Bischofsstuhls im Prager Erzbistum mit. Zunächst muss der Vikar jedoch eingestehen, dass er zu wenig mit dem tschechischen Klerus vertraut sei, um einen Rat geben zu können. Aus diesem Grund hat Dittrich den Prager Kanonikus Peter Kreycy um seine Meinung und einen Hinweis auf geeignete Kandidaten gebeten. Er werde dessen Ansichten dann umgehend mitteilen. Der Vikar befürchtet allerdings, dass Thun in seiner Wahl nicht vollkommen frei sein werde, insbesondere dann, wenn die Kenntnisse der böhmischen Sprache nicht als notwendige Voraussetzung für die Kandidatur erachtet werden.
Im zweiten Teil des Briefes äußert sich Dittrich zur Frage des zukünftigen Verhältnisses von Kirche und Staat. Dittrich glaubt, dass das Unterrichtsministerium bzw. der Staat im Allgemeinen vor der schwierigen Aufgabe stünden, einen Ausgleich zwischen den Wünschen der Bischofsversammlung und den eigenen Ansprüchen zu finden. Er persönlich glaubt, dass eine größere Freiheit der Kirche unbedingt notwendig sei. Gleichzeitig betont er, dass der Staat sich einen gewissen Einfluss auf die Belange der Kirche bewahren müsse. Dittrich spricht sich zudem dafür aus, dass die Kirche ihren Einfluss auf das Volksschulwesen bewahren solle.

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Transkription

    Hochzuverehrender Herr Staatsminister,
    hochgeborner Herr Graf!

    Zuvor meinen aufrichtigen Glückwunsch, daß es der göttlichen Fürsehung gefallen hat, Ihnen, hochverehrter Freund, neuerdings einen Wirkungskreis anzuweisen, in welchem Sie des Guten überaus viel zu thun vermögen. Gott schenke nur dem lieben Oesterreich Ruhe und Frieden und es wird mit seiner Gnade den Männern, die gegenwärtig an der Spitze dieser Monarchie stehen, hoffentlich gelingen, die längst gehegten Wünsche aller Gutgesinnten zu erfüllen.
    Wie sehr ich es bedaure, daß Ihre werthen Schreiben von Tetschen und Görlitz erst den 5. August, als ich in Budussin wieder eintraf, in meine Hände gekommen sind, kann ich nicht genug ausdrücken. Den 4. als Sie durch Dresden und Budussin [Bautzen] passirten, war ich eben in Dresden durch ein Unwohlseyn noch festgehalten, würde aber Ihren werthen Besuch mit Freuden angenommen haben.
    Irgend einen Rath zu geben, auf wen allenfalls bei Besetzung des Prager Erzbisthums die Aufmerksamkeit gerichtet werden könne, ist überhaupt sehr schwer, vorzüglich aber für mich, wo ich mit dem czechischen Clerus viel zu wenig bekannt bin. Dem Prager Canonicus Kreyčy, der einer der ältesten unter den 6 jüngeren Domherren ist und den Bezirksvikär des Reichenberger Distriktes, Johann Pažaut, Pfarrer und Personaldechant zu Laukow, kann ich zwar als zwei untadelige, eifrige, geschäftskundige, und wissenschaftlich-gebildete czechische Geistliche namhaft machen; allein ob einer oder der andere von ihnen einen so hohen und einflußreichen Posten gehörig auszufüllen geeignet seyn würde, kann ich nicht mit Gewißheit sagen. Man lobt auch den Weihbischof von Olmütz, Herrn von Thysenbert, und rühmt von ihm, daß er sich durch seinen Eifer, seine Tugend und wissenschaftliche Bildung vor allen übrigen Olmützer Canonici auszeichne; allein ich habe nicht die Ehre, ihn näher zu kennen und kann mir deshalb auch kein Urtheil über ihn erlauben. Auch weiß ich nicht verlässig, ob er der czechischen Sprache kundig ist. Der oben genannte Canonicus Kreycy dürfte als Consitorialrath eine sehr genaue Kenntnis von den Bezirksvikären der Prager Erzdiözese besitzen und ich habe ihn deshalb mit Beobachtung der gebührenden Vorsicht ersuchet, mir aus denselben diejenigen, welche einem größeren Wirkungskreise gewachsen seyn dürften, sobald als thunlich gefälligst zu nennen. Was ich hierüber erfahre, werde ich ungesäumt mittheilen. Übrigens fürchte ich, daß auch Sie, hochverehrter Freund, bei Ihrem Vorschlage nicht ganz frei werden verfügen können, besonders, wenn die Bedingung, daß der Zuerwählende der böhmischen Sprache kundig seyn müsse, nicht als unbedingt nothwendig erkannt werden sollte.
    Daß bei der in Aussicht gestellten Neugestaltung der Kirche und Schule das Cult- und Unterrichtsministerium eine schwere Aufgabe werde zu lösen haben, ist leicht zu begreifen. Die Vorschläge, welche die versammelt gewesenen hochwürdigen Herren Bischöfe der Staatsregierung gemacht haben, sind mir zwar unbekannt, und ich will hoffen, daß der vernünftigere Theil, welcher die viel gerühmte kirchliche Freiheit näher beleuchtet hat, die Majorität erlangt habe; indes wie auch diese Vorschläge beschaffen seyn mögen, die Staatsregierung wird dieselben in jedem Falle mit großer Vorsicht zu prüfen haben, wenn die vorliegenden schwierigen Fragen zum Heile des Staates, der Kirche und Schule gelöset werden sollen. Daß die katholische Kirche in Oesterreich von der allzu ängstlichen Staatsaufsicht erlöset werde, ist durchaus nothwendig; sie muß sich in Betreff ihrer inneren Angelegenheiten freier bewegen können. Aber nicht minder nothwendig ist es, daß die Staatsregierung der Kirche überall, wo sie es bedarf, den nöthigen Schutz durch die Administrativ-Behörden gewähre und sie nicht etwa in eine bloß privatrechtliche Stellung verweise, sodaß sie alle Hilfe nur auf dem Amtswege zu suchen hat. Auch ist es höchst erwünschlich, daß die Staatsregierung sich einen Einfluß wahre auf die Entwicklung des kirchlichen Lebens, insbesondere auf die vollständige Herstellung der Synodalverfassung, wie sie durch das Tridentinum angeordnet ist. Die päpstliche Antwort auf die diesen Gegenstand betreffende Eingabe der Würzburger bischöflichen Versammlung ist eben nicht sehr günstig und scheint fast darauf berechnet zu seyn, die alte Lethargie wieder geltend zu machen. Es ist ferner nothwendig, daß die uralte Verbindung zwischen der Kirche und der Volksschule bewahrt werde, weil eine gänzliche Trennung beider, der einen wie der andern, nur Unheil bringen würde; aber es ist ebenso nothwendig, daß die jungen Theologen sowohl während der Studienjahre als auch in der Zeit ihres praktischen Wirkens sich mit der Pädagogik, Didaktik, Katechetik viel mehr vertraut machen und hiermit zur Aufsichtführung über die Volksschulen sich mehr befähigen müßten. Doch der Raum gebiethet zu schließen. Eine baldige Fortsetzung versprechend bitte ich die Versicherung ganz besonderer Hochachtung zu genehmigen, mit der ich bin des Herrn Staatsministers

    treuergebener Freund

    Jos. Dittrich
    Bischof Vic. Apostol.

    Budussin, den 10. August 1849

    P.S. Die Aufforderung, die ausgeliehenen Bücher aus der Bibliothek des verstorbenen Prof. Bolzano einzuliefern, könnte vielleicht Excellenz Doctor Bretschneider erlassen.