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Dokument Melchior Diepenbrock an Leo Thun
Breslau, 9. November 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D76
Regest

Melchior Diepenbrock, Fürstbischof von Breslau, äußerst seine Besorgnis über die zunehmenden Differenzen zwischen Österreich und Preußen und die Gefahr eines drohenden Krieges zwischen den beiden Ländern. Dabei betont er, dass in Preußen durch einen drohenden Krieg das Nationalgefühl und der Patriotismus stark genährt werde. Er gibt aber seiner Hoffnung Ausdruck, dass die politischen Verantwortlichen einen Krieg verhindern mögen. Ein Krieg würde aus der Sicht von Diepenbrock nicht nur verderbliche Folgen für die beiden Länder haben, sondern auch ihn persönlich hart treffen, da sich seine Diözese über beide Länder erstreckt und er sowohl dem Kaiser als auch dem König von Preußen verpflichtet ist.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Hochgeborner Graf!
    Hochzuehrender Herr Staatsminister!

    Ich kann diese amtliche Sendung an Eure Excellenz nicht abgehen lassen, ohne einige Worte schmerzlichster Besorgnis über die unseligen und unheilvollen Zerwürfnisse zwischen Oesterreich und Preußen vertraulich beizufügen. Auf die Ursachen und Veranlassungen dieser Zerwürfnisse gehe ich nicht ein, denn in rein politischen Dingen steht mir kein Urtheil zu, und was gefehlt worden ist, will und mag ich nicht verantworten oder rechtfertigen. Aber das darf und muß ich wünschen, darum darf ich Alle, die auf die Dinge Einfluß haben, beschwören, daß man die spannende Krise nicht aufs Äußerste treibe, nicht einen Bruderkrieg zum Ausbruche bringe, der verderblich für das ganze deutsche Vaterland seyn würde; daß man also Preußen nicht des Demüthigenden zuviel zumuthe, sondern ihm ehrenhafte Bedingungen mache, die das Nationalgefühl nicht verletzen. Dieses Ehrgefühl im preussischen Volke ist stärker als man vielleicht glaubt; es ist in diesem Augenblicke schon lebendig erwacht, es nährt sich an den glorreichen Erinnerungen Friedrichs des Großen; alle oppositionelle Kälte gegen die Regierung schwindet und schmilzt in dem allgemeinen Aufschwung zusammen, den die seit gestern hier anbefohlene Mobilmachung der ganzen Armee hervorgerufen. Es erwacht ein Geist, wie der im Jahre 1813, leider zu einem ganz anderen Ziele und Zwecke; aber man vergißt dies in dem schmerzlichen Gefühle, daß die preußische Ehre angetastet, daß ihr zu viel zugemuthet werde. Möge man dies auswärts nicht verkennen; es ist im preußischen Volke mehr Bewußtseyn, mehr geschichtliche Erinnerung, mehr preußischer Stolz und Patriotismus, mehr Opferwilligkeit, als man vielleicht voraussetzt; und der Kampf, wenn er losbräche, würde ein erbitterter, ein verzweifelter seyn. Die besonnensten, unabhängigsten Männer, und die bis dahin mit dem Gange der Regierung vielleicht gar nicht zufrieden waren, stehen jetzt, angesichts der Demüthigungen, die man ihr zumuthet, offen zu ihr; viele, die noch dienstesfähig sind, haben sich freiwillig zur Disposition gestellt und wollen in die Reihen des Heeres eintreten; der Aufschwung ist allgemein. Es ist aber Gottlob! bis jetzt kein Haß gegen Österreich; und noch am letzten Montage, bei dem großen Diner, das ich am Tage der kirchlichen Festlichkeit gab, und wozu alle Spitzen der hiesigen Behörden, und darunter 5 preußische Generale geladen waren, ward der von mir ausgebrachte Toast auf Seine Majestät den Kaiser mit Wärme und Begeisterung in dreifachem Hoch erwiedert. Man achtet und ehret das tapfere österreichische Heer; allein die eigene Ehre möchte man nicht preisgeben, sondern eher Alles dafür einsetzen.
    Möge man denn in Wien diesen Verhältnissen, die ich im Interesse des Gesammtvaterlandes kurz anzudeuten für Pflicht hielt, billige Rechnung tragen, und einen unheilvollen Krieg verhüten, dessen Ende und Folgen unberechenbar, aber gewiß nach allen Seiten hin verderblich wären.
    Sollte er dennoch zum Ausbruche kommen, so wäre meine Stellung die allerpeinlichste, denn ich bin nach beiden Seiten hin durch heiligen Eid, durch Liebe und Treue gebunden, wie ich dies auch bei jenem Diner am 4. dieses offen ausgesprochen; es wäre ein Riß durch mein Herz wie durch meinen Sprengel. Ich müßte alsdann meinem jenseitigen Generalvicar unbedingte Vollmacht geben für die jenseitigen Geschäfte und hier meines Amtes mit Gewissenhaftigkeit warten, Gott bittend, daß Er Alles zum baldigen Frieden und Verständnisse lenke.
    Entschuldigen Eure Excellenz diesen allzu langen Erguß meines bekümmerten bischöflichen Herzens. Ein Wort, das vielleicht zum Frieden dienen kann, nicht gesprochen zu haben, wäre Sünde!
    Ich habe die Ehre mit vollkommenster Hochachtung zu geharren

    Eurer Excellenz

    ganz ergebenster Diener
    Melchior Card. u. Fürstbischof

    Breslau, den 9. November 1850

    P.S. Ich erlaube mir, einen Brief an den Herrn Hofrath Baron von Werner zur geneigten Besorgung beizufügen.