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Dokument Melchior Diepenbrock an Leo Thun
Breslau, 4. Juni 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D70
Regest

Melchior Diepenbrock dankt für das Vertrauen, das Leo Thun ihm bei der Suche nach fähigen Kandidaten für Lehrerstellen entgegengebracht hatte und ist vollkommen damit einverstanden, dass der Minister noch weitere Erkundigungen einholen will. Diepenbrock kann diesen Schritt umso mehr verstehen, als die Auswahl der richtigen Lehrpersonen, eine wesentliche Vorrausssetzung für den Aufschwung des Unterrichtswesens in Österreich bilde. Im zweiten Teil des Briefs bedankt sich Diepenbrock für die Hilfe für Albert Koch. Thun hatte sich nämlich bereit erklärt, Koch bei der Suche nach einem geeigneten Ort für die Ausstellung des von Koch entdeckten Skeletts einer urzeitlichen Wasserschlange behilflich zu sein. Diepenbrock verspricht sich von der Ausstellung nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern vor allem biete das Skelett auch einen Beweis für den mosaischen Schöpfungsbericht und könne daher auch ungläubige Betrachter zum Glauben bekehren. Zuletzt empfiehlt Diepenbrock nochmals Franz Schmölders und Karl Grysar.

Beilagen, Anmerkungen

Unter dieser Signatur sind noch zwei weitere Briefe Diepenbrocks an Thun abgelegt:
Melchior Diepenbrock an Leo Thun. Breslau, 28. Mai 1850.
Melchior Diepenbrock an Leo Thun. Johannesberg bei Jauernig, 27. August 1850.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Breslau, den 4. Juni 1850

    Eurer Excellenz

    geehrtes Schreiben vom 1. dieses Monats will ich vor allem mit der aufrichtigsten Versicherung beantworten, daß es mir nicht nur nicht unangenehm, sondern vielmehr im allerhöchsten Grade erwünscht ist, wenn Hochdieselben über die Personalvorschläge, welche Ihr Vertrauen mir zu machen gestattet, auch noch anderweitige Erkundigungen einziehen. Die hohe Verantwortlichkeit Ihrer Stellung fordert dies, und auch meine individuelle Verantwortlichkeit wird dadurch erleichtert, was mir um so beruhigender, da ich doch nur wenige der genannten Personen selbst kenne und mich also auch auf fremdes Urtheil verlassen muß. Herrn Geheimer Rat Brüggemanns frühere Äußerung, auf welche Eure Excellenz zurückdeuten, scheint mir auch durch etwas anderes veranlaßt, als durch diese sich von selbst verstehende, durch sich selbst gerechtfertigte Sorgfalt für möglichst zuverlässige, also möglichst vielseitige Renseignements. Ich meines Theils bitte Eure Excellenz hiermit förmlich, neben den von mir gegebenen, noch alle sonst erreichbaren Erkundigungen einziehen und meine Daten nur als unmaßgebliche Fingerzeige ansehen zu wollen. Ich begreife vollkommen die großen Schwierigkeiten, welche Eurer Excellenz auf dem Wege zur Regeneration des Studienwesens überall im Wege liegen, und wievielerlei Rücksichten da nothwendig werden, um nur das Mögliche zu erreichen und nicht am Unmöglichen zu scheitern.
    Herr Dr. Koch war über die gnädige ihn und seinen antediluvianischen Pflegling Hydrarchus Zeuglodon betreffende Zusicherung Eurer Excellenz sehr erfreut und bittet mich, seinen respectvollsten Dank dafür auszudrücken. Nach Beendigung des Wollmarktes, mit Ende dieses Monats, wünscht er allerdings, seine Wanderung nach Wien antreten zu können. Daß der Anblick dieses Riesenskeletts aus einer vorfluthlichen Thierwelt geeignet ist, ernste Gedanken auch in den ungläubigsten Beschauern hervorzubringen, zumal Herrn Dr. Kochs fachkundige Erklärungen auf einer entschieden gläubigen Harmonie mit dem mosaischen Schöpfungsberichte beruhen, davon hat sein hie[si]ger Aufenthalt viele sehr auffallende Beweise geliefert, und schon aus diesem Grunde möchte ich wünschen, daß er wie ein anderer Prophet Jonas aus dem Bauche seines versteinerten Meerungeheuers auch den Wiener Niniviten seine in fossiler Lapidarschrift geschriebene Predigt von den Wundern Gottes vorhalte. Ich erlaube mir daher, die baldige Erfüllung seines Wunsches hinsichtlich der Einräumung eines passenden Locales Eurer Excellenz nochmals ergebenst zu empfehlen. Hier hatte ihm Graf Henckel-Donnersmark seine geräumige Reitbahn eingeräumt; sollte nicht in Wien irgendein grosser Herr ein ähnliches Local für kurze Zeit zu einem Tempel der Wissenschaft zu weihen sich bestimmen lassen?
    Wenn mein Hirtenbrief nach Ihrer freundlichen Versicherung einigen guten Eindruck gemacht hat, so habe ich Eurer Excellenz zunächst dafür zu danken, da Ihr werthes Vertrauen mich zunächst zu dessen rechtzeitiger Erlassung veranlaßt hat.
    Über den Prof. Grysar in Cöln habe ich soeben den Prof. Dr. Schmölders, der ihn genau kennt, befragt und von ihm erfahren, daß er ein ganz ausgezeichneter Latinist, ein sehr wackerer Mann, tüchtiger Pädagog, jedoch etwas eigensinnig und wenn auch nicht gerade sehr eifrig und prononcirt kirchlich, doch auch gewiß kein schlechter Katholik und als Professor jedenfalls sehr empfehlenswürdig sey.
    Ich erlaube mir hierbei den Dr. Schmölders selbst nochmals zu empfehlen, dessen ruhiges, besonnenes, bescheidenes und durchaus tüchtiges Wesen und einnehmende Persönlichkeit ihn gewiß zu einer höchst schätzungswerthen Acquisition für Österreich machen würde.
    Ich schließe mit der erneuerten Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung.

    Eurer Excellenz

    ergebenster Diener
    Melchior Fb.