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Dokument Melchior Diepenbrock an Leo Thun
Breslau, 28. Mai 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D70
Regest

Fürstbischof Melchior Diepenbrock sendet Leo Thun Informationen über mögliche Kandidaten für eine Stelle als Gymnasiallehrer oder Direktor an österreichischen Schulen. In einem früheren Schreiben hatte Leo Thun diese Informationen erbeten. Diepenbrock sendet ihm nun ein Verzeichnis mit fähigen Kandidaten. Der Fürstbischof hatte sich hierzu auch bei Theodor Brüggemann informiert, um möglichst umfassend Auskunft geben zu können. Bei den Vorgeschlagenen wurde besondere Rücksicht auf deren kirchliche Haltung und deren Gesinnung sowie auf deren wissenschaftliche Leistungen genommen. Diepenbrock hofft, dass die Informationen den Plänen Thuns förderlich sein werden.
Die Beilage beinhaltet ein Verzeichnis Diepenbrocks über mögliche Kandidaten für die Direktorstelle am Theresianum und an anderen österreichischen Gymnasien sowie Kandidaten für eine Professur der Philologie.
Die Hinweise Diepenbrocks sind mit Bemerkungen Thuns versehen, welche wiederum auf dem Urteil Heinrich Grauerts beruhen.

Beilagen, Anmerkungen

Beilagen:
Undatiertes Memorandum Bischof Diepenbrocks über mögliche Kandidaten für Direktorenstellen an österreichischen Gymnasien mit eigenhändigen Bemerkungen Thuns.
Undatierter Lebenslauf von Professor Josef Kutzen.

Unter dieser Signatur sind außerdem zwei weitere Briefe von Diepenbrock abgelegt:1
Melchior Diepenbrock an Leo Thun, Breslau, 4. Juni 1850.
Melchior Diepenbrock an Leo Thun, Johannesberg bei Jauernig, 27. August 1850.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Eurer Excellenz

    beehre ich mich, in ergebenster Erwiederung des werthen Schreibens vom 2. dieses Monats, anliegend ein Verzeichnis 2 einiger tüchtiger Männer für das Lehrfach zu übersenden, welches ich nach möglichst sorgfältiger Erkundigung zusammengestellt habe. Ich habe die Vorsicht gebraucht, auch noch das competente Urtheil des Geheimenraths Dr. Brüggemann, der seit einer Reihe von Jahren das höhere katholische Studienwesen in Preussen leitet, über diese Männer zu vernehmen und die anderweitigen Vorschläge und Empfehlungen darnach zu berichtigen; doch stimmte es bei den meisten mit dem Gegebenen überein. Bei allen diesen Männern ist vorzüglich auch auf ihre kirchliche Gesinnung und Haltung, nicht minder jedoch auch auf ihre sonstige Tüchtigkeit Rücksicht genommen.
    Unter den von Eurer Excellenz Bezeichneten konnte ich über Becker in Hadamar, Thomat in München, Lichtenstein in Trauchburg nichts Näheres erfahren; Dr. Dünzer [Düntzer], Bibliothekar in Cöln, ist wohl als ein sehr kenntnisreicher Philologe bekannt, allein zur Leitung eines Mustergymnasiums hält man ihn wegen seiner unbedeutenden Persönlichkeit und großen Schüchternheit nicht für geeignet.3Auch nicht den Director Enger in Ostrowo, den seine Kenntnis des Polnischen für diesen Posten vorzüglich empfohlen hat. Wentzel in Glogau ist allerdings ein tüchtiger Mann; allein er ist uns für die wichtige dortige Anstalt unentbehrlich; und auch an dem wackern Dr. Zastra in Neiße würde ich ein schweres Opfer bringen. Schraut in Neuß bei Cöln wird als ein gelehrter und energischer Mann gerühmt; doch will man an ihm ein zu ehrgeiziges, zu wenig religiöses Streben wahrgenommen haben; wenigstens in früherer Zeit.
    Unter allen von mir Genannten bezeichnet Herr Geheimrath Brüggemann den Dr. Stieve in Münster als den bedeutendsten und zur Leitung des Theresianumssowohl als eines Mustergymnasiums vorzüglich geeigneten, den er mit voller Überzeugung empfehlen könne.
    4Doch zweifelt er, ob derselbe sein Vaterland werde verlassen wollen, und setzt hinzu: er hoffe, nein; denn er wisse ihn nicht zu ersetzen.
    Ich habe nun Eurer Excellenz gewissenhaft mitgetheilt, was mir in der kurzen, anderweitig sehr in Anspruch genommenen Zeit zu erkundigen möglich gewesen. Möge es Ihnen und dem lieben theuern Österreich, auf welches die Blicke aller Katholiken Deutschlands jetzt mit so viel Dank, Spannung und Theilnahme gerichtet sind, und welchem man so innig eine gründliche religiös wissenschaftliche Regeneration wünscht und Eurer Excellenz mühe- und dornenvolles Wirken dafür so freudig anerkennt – möge mein geringes Scherflein so schönem Ziele fördernd zu gut kommen!
    Genehmigen Hochdieselben die erneuerte Versicherung der aufrichtigen Verehrung, womit ich zu geharren die Ehre habe

    Eurer Excellenz

    ganz ergebenster Diener
    M. v. Diepenbrock
    Fürstbischof

    Breslau, den 28. Mai 1850

    P.S. Möge doch unser geliebter junger Kaiser vor ähnlichen greulichen Frevelanschlägen bewahrt bleiben, wie sie unsern edelen König jetzt abermals getroffen und Gottlob! nur gestreift! Der Seuflohe [sic! richtig Sefeloge] soll wirklich der Fürstenmörderverschwörung angehören; wie sehr ihn auch die democratische Partei für einen Wahnsinnigen auszugeben sich bemüht. „Es ist System in diesem Wahnsinn“, kann man mit Shakespeare sagen. Höchste Vorsicht thut gewiß Noth. Um Gottes Schutz wollen wir beten!

    A. Für die Direction des Theresianums oder auch eines Mustergymnasiums:
    1) Stieve, Gymnasialdirector in Münster in Westfalen, als ganz vorzüglich geeignet bezeichnet und empfohlen, ein Mann von ausgebreitetem Rufe und anerkannter Tüchtigkeit, zeichnete sich auch in den vorigjährigen Berliner Ministerialconferenzen der Gymnasiallehrer durch gediegenes Urtheil aus, wie die gedruckten Verhandlungen beweisen. Bewährte Männer, die ihn näher kennen, rühmen außer seiner Gelehrsamkeit, pädagogischen Erfahrung und Reife, auch seine Charakterfestigkeit, gesunde Frömmigkeit und ebenso imposante als ansprechende Persönlichkeit. Er ist seit einigen Jahren Wittwer und Vater von 6 Kindern.
    2) Dillenburger, früher Gymnasialdirector zu Emmerich, jetzt Schulrath in Königsberg, ein gewandter, erfahrener, tüchtiger Schul- und Geschäftsmann und aufrichtiger katholischer Christ, bekannt als Herausgeber des Horaz 5; und ebenso durch seine intelligente Theilnahme an den vorigjährigen Berliner Conferenzen; jedoch vielleicht mit weniger Energie ausgestattet als der vorige.
    3) Gymnasialdirector Dr. Zastra in Neiße, durch Wissen und pädagogischen Tact sowie durch gewinnendes Benehmen ausgezeichnet; dabei ein treuer katholischer Christ; für das Theresianum vielleicht noch etwas jung.
    4) Professor Dr. Kutzen dahier in Breslau, von dem ein eigenhändiges Curriculum Vitae beiliegt; ein auch als Charakter und Christ sehr achtbarer Mann, jedoch der Oberleitung des Theresianums vielleicht nicht völlig gewachsen; sonst in aller Weise sehr empfehlenswerth.

    B. Für eine Professur der Philologie:
    1) Dr. Franz Ritter, Professor extraord. zu Bonn, ein tüchtiger Realphilolog, streng kirchlich gesinnt und deshalb vielleicht in Preußen zurückgesetzt, ein sehr ausgezeichneter, empfehlenswerter Mann.6
    2) Könighoff, Lehrer am Gymnasium zu Trier, Verfasser einiger Schriften über Terenz.
    3) Kreuser, Lehrer am Gymnasium zu Cöln, Verfasser vieler philo[lo]gischen Schriften, auch in der christlichen Kunst, namentlich der Baukunst, sehr bewandert.7
    4) Wedewer, Inspector einer höheren Anstalt in Francfurt a. M., Verfasser einer Schrift über Dante, Homer und das Nibelungenlied.8 9
    5) Lohmar, Gymnasiallehrer zu Trier, sehr tüchtiger Philologe.10
    6) Dr. Kuschel, Kollaborator am katholischen Gymnasium zu Breslau, echt kirchlich gesinnt und tüchtiger Pädagoge.11

    <Grauerts Ansicht:
    Ad 1) Geistreich, lebendig, aber etwas rasch; leichtfertige Ausführung ungenügend begründeter Ideen. - Dadurch hat er sich in einigen literarischen Leistungen geschadet. – Seine letzte Bearbeitung des Tacitus wird aber gelobt. – Hat übrigens in Bonn ein Haus gekauft.
    Ad 3) Ein Genie, aber treibt wunderliches Zeug, sodaß er zu einer komischen Figur geworden ist.
    Ad 4) Ein Schüler Grauerts; ein lieber junger Mann, aber kein bedeutender Philolog; ist auch aus solchen Studien herausgekommen.
    Ad 5) Dem Ruf nach tüchtig.>12

    Joseph Kutzen, zu Frankenstein in Schlesien geboren, durch beide Eltern aus Deutsch-Böhmen stammend, gebildet auf dem Gymnasium zu Glatz und den Universitäten zu Breslau und Berlin, an der ersteren zum Doktor der Philosophie promovirt, lehrte in dem öffentlichen Dienste seit 1829 und zwar 4 Jahre an dem katholischen Gymnasium zu Breslau besonders Geschichte, Geographie und das Deutsche, seit 1832 die beiden ersten Fächer als Privatdocent, seit 1835 als außerordentlicher und seit 1843 als ordentlicher Professor an der Breslauer Universität, an welcher er während der Zeit seiner Lehrthätigkeit viel über dreitausend Zuhörer hatte. Außerdem 4 Jahre Custos an der königlichen und Universitätsbibliothek zu Breslau, 13 Jahre Mitglied der königlichen Prüfungscommission für die Candidaten und Lehrer sämmtlicher höherer Lehranstalten der Provinzen Schlesien und Posen und 4 Jahre Direktor dieser Behörde; ferner 5 Jahre außerordentliches Mitglied der Prüfungscommission für die Aspiranten des höheren Militärdienstes und eben solange des Provinzialschulcollegiums zu Breslau.
    In Bezug auf Erziehungs-, Lehr- und wissenschaftliche Beschäftigung in Privatverhältnissen, innerhalb der Jahre 1826 bis 1840 drei Jahre mit der Erziehung des ältesten Sohnes des Grafen Lazarus Henckel von Donnersmark (katholische Linie), 4 Jahre des jüngsten Bruders des jetzigen Standesherrn Grafen Schaffgotsch zu Warmbrunn, 2 Jahre des Fürsten August Sulkowski (Posener Linie), ferner mehrere Jahre hindurch mit geschäftlichen Verträgen für eine Zahl Mitglieder des schlesischen Adels und für einen großen Kreis dem höheren Gewerbe-, besonders dem Kaufmannsstande angehörender junger Männer und mit der Systematisirung und vollständigen Einrichtung der an 40.000 Bänden starken Majoratsbibliothek der Grafen Schaffgotsch betraut.