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Dokument Ignaz Deutsch an Leo Thun
Wien, 10. April 1860
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D567
Regest

Ignaz Deutsch, Vorsteher der polnischen Synagoge in Wien, informiert Leo Thun über die Stimmung unter seinen jüdischen Glaubensgenossen und bittet den Minister, den Wunsch der orthodoxen Juden, in der Gründung und Erhaltung ihrer religiösen Institutionen frei agieren zu können, zu unterstützen. Zunächst betont Deutsch, dass das Reformjudentum (Neologie) immer öfter das orthodoxe Judentum angreife und dessen Institutionen übernehmen wolle, bzw. eigene Seminare und Synagogen gründen wolle. Deutsch sieht darin nicht nur eine Gefahr für das orthodoxe Judentum, sondern auch für die gesamte Monarchie, zumal sich gerade die orthodoxen Juden stets als treue Untertanen gezeigt hatten. Deutsch schildert dann die zahlreichen Mühen, die er als Vertreter der orthodoxen Juden seit Jahrzehnten auf sich nehme und die zahlreichen Anfeindungen, die er ertragen müsse. Er erwähnt dabei sein Engagement im Schulbau, aber auch seine Loyalität im Fall Mortara. Durch sein Wirken habe sich in Österreich etwa keine einzige Gemeinde in diesem Fall gegen den Papst gewandt. Er bittet daher Thun eindringlich, die orthodoxen Juden öffentlich zu stärken und sie als rechtmäßige Vertreter des Judentums anzuerkennen. Schließlich bittet er darum, das Ansuchen zu unterstützen, dass den orthodoxen Gemeinden in der Gründung und Erhaltung ihrer religiösen Institutionen die vollste Freiheit gewährt werde und dass diese vor Eingriffen der Reformjuden geschützt werden.

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Transkription

    An Seine Excellenz den Hochgebornen Herrn, Herrn Leo Grafen von Thun-Hohenstein, k.k. Minister für Cultus und Unterricht

    Euer Excellenz!

    Im 3. Decennium ist es bereits, daß sich der gehorsamst Gefertigte einer Aufgabe unterzogen hat und einer Richtung entgegenzuwirken mit aller Kraft bemüht war, der unter keiner Volksklasse dieser Erde solche empfindliche Hindernisse entgegentreten als unter seinen Glaubensangehörigen.
    Fast die ganze Hälfte dieser Zeit fällt in eine Periode voll der schwersten Prüfungen, wo die neologischen Elemente allerwärts an Kraft, Muth und Einfluß immer mehr Terrain gewonnen haben.
    All‘ diese tiefbewegten Zeiten seit der verhängnisvollen März-Catastrophe sind noch in Jedermann’s Angedenken und der gehorsamst Gefertigte darf es wohl ungescheut sagen, daß ihn dennoch kein Ereignis innerhalb dieser Zeit in seinen Bestrebungen wankend machen und alle feindlichen Angriffe der Reformer, alle Ausfälle der Presse und der neologischen Prediger von der Kanzel herab denselben in seiner Überzeugung nicht erschüttern konnten.
    Das Bewußtsein, für eine heilige gerechte Sache einzustehen, die traurige Gewißheit, daß leider kein anderer seiner Glaubensangehörigen je den Muth gezeigt, den jüdischen Neologen in Oesterreich offen entgegenzutreten und die ermuthigende Überzeugung, daß die ersten Räthe der Krone diese Richtung stets vollkommen gebilligt haben, hat es möglich gemacht, all’ diese schwer wiegenden Hindernisse zu überwinden und auf diesem Wege entschlossen auszuharren.
    Nachdem sich aber die Gegner des gehorsamst Gefertigten – wie dies der letzte Vorfall gezeigt hat – so sicher glaubten, daß sie kein Bedenken trugen, denselben in so offener verrätherischer Weise zu kränken und so sich zu betrüben; da sich dieselben überdies dessen frei und offen rühmen, um die altgläubigen Juden zu demüthigen und zu entmuthigen, – da endlich dieser für den gehorsamst Gefertigten so schmerzliche Vorfall auf seine ungewöhnlich zahlreiche Familie einen solchen Eindruck hervorgebracht hat, daß dies in der That eine Änderung in seiner ferneren Thätigkeit veranlassen dürfte, so fühlt sich derselbe aus liebevoller Hingebung für seinen Erhabenen Kaiserlichen Herrn und aus tiefster Dankbarkeit für die ihm gewährte Unterstützung im Interesse der altgläubigen Juden gedrängt und verpflichtet, über seine bisherige Thätigkeit und Wirksamkeit der kaiserlichen Regierung in aller Ergebenheit Rechenschaft zu geben und bittet Euer Excellenz ehrerbietigst, die hier verzeichneten Zahlen und Daten gnädigst zu prüfen, damit der gehorsamst Gefertigte in diesem Falle, nach einem 25 jährigen schweren Kampfe – in dem derselbe seine besten Kräfte geopfert hat – die beruhigende Überzeugung mit sich nehme, als treuergebener österreichischer Unterthan und als Vertheidiger und Vertreter einer heiligen Sache seine übernommene moralische Verpflichtung gewißenhaft erfüllt zu haben. Vom Fürsten Metternich bis auf die heutige Zeit wurde der gehorsamst Gefertigte stets von allen leitenden Regierungspersonen in seinen Bestrebungen – die Juden in Oesterreich in ihrer alten religiösen Überzeugung zu erhalten – ausdrücklich ermuthiget und ist von denselben jederzeit mit Rath und That unterstützt worden.
    Bereits vor 20 Jahren wurde der gehorsamst Gefertigte durch Seine Kaiserliche Hoheit den Durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Franz Carl an die hervorragendsten Regierungspersonen nachdrücklichst empfohlen. Zwei der Letzteren, der seelige Reichsrathspräsident Freiherr von Kübeck und Seine Excellenz der Herr Reichsrath Freiherr von Kraus, denen die Bestrebungen des gehorsamst Gefertigten im Interesse der kaiserlichen Regierung vor und während dem Jahr 1848 genau bekannt waren, haben bereits über denselben bei verschiedenen Gelegenheiten an Seine k.k. apostolische Majestät Bericht erstattet. Als sich nun die kaiserliche Regierung nach dem Jahr 1848 von den Mittheilungen des gehorsamst Gefertigten über die politischen Gesinnungen der altgläubigen Juden überhaupt die volle Überzeugung verschafft hatte, glaubte derselbe in seinen Bestrebungen um so sicherer und entschiedener vorgehen zu dürfen. Zu diesem Ende verfügte sich am 2. Sept. 1850 eine Deputation aus den ersten und bewährtesten Rabbinern des Reiches nach der kaiserlichen Residenz, um sich bei Seiner k.k. apostolischen Majestät im Namen ihrer Collegen Schutz und Gnade für ihre alten religiösen Institutionen ehrfurchtsvoll zu erbitten, die bei dieser feierlichen Gelegenheit den gehorsamst Gefertigten ermächtigten, ihre religiösen Angelegenheiten bei der kaiserlichen Regierung ferner zu vertreten.
    Die Aufmerksamkeit des gehorsamst Gefertigten war zunächst auf die religiösen Zustände der Juden in Ungarn – ein Kronland, welches 400.000 Juden in sich faßt – gerichtet. Das bekannte jüdische Finanzcomité, welches sich im Jahr 1845 zur Aufhebung der Judensteuer in Pesth gebildet hat, war schon damals bestrebt, auch die politischen und religiösen Angelegenheiten der ungarischen Juden in den Bereich ihrer Wirksamkeit zu ziehen. Als dasselbe nach dem Jahr 1848 factisch im Besitze von 2 Millionen des ungarischen israelitischen Cultusfondes war, sind bereits von dieser Seite, über Gründung von neologischen Rabbinerseminarien und modernen religiösen Institutionen, Vorschläge unterbreitet worden. Der gehorsamst Gefertigte, von seinen Gesinnungsgenossen unterstützt, hat Alles aufgebothen, um gegen dieses Comité und seine verderblichen Institutionen anzukämpfen. Er hat die kaiserliche Regierung unabläßig auf die Gefahr aufmerksam gemacht, welche durch das Fortbestehen des Pesther Finanzcomités für die religiöse Zukunft der ungarischen Juden unvermeidlich entstehen muß. Der Cultusfond wurde endlich diesem Comité aus [den] Händen genommen, was die gänzliche Auflösung des Letzteren herbeigeführt hat. Wäre dies nicht geschehen, so bestände in diesem Augenblicke in Ungarn und dessen Nebenländern vielleicht nicht eine einzige altgläubige israelitische Cultusgemeinde.
    Durch diesen Erfolg ermuthiget, fühlten sich alle altgläubigen Judengemeinden in Ungarn frei von dem jahrelangen Drucke und dem schädlichen Einflusse des Pesther israelitischen Finanzcomités. Sie richteten ihre Blicke wieder auf die alte regierungstreue, fromme Judengemeinde zu Presburg, gaben ihren Widerwillen und Abscheu für all‘ die in Vorschlag gebrachten neologischen Seminare frei und offen kund und so ist es dem gehorsamst Gefertigten möglich geworden, die Rabbinatsschule zu Presburg zu einer öffentlichen, angesehenen theologischen Lehranstalt für zukünftige Rabbiner zu erheben, die in diesem Augenblicke 400 Hörer zählt, die für die Zukunft bestimmt sind, in eben so vielen jüdischen Gemeinden des Kaiserreiches als regierungstreue Rabbiner zu fungiren, um ihre Gemeindeangehörigen in diesem Sinne zu leiten und zu erhalten.
    Als sich eben um diese Zeit ein der kaiserlichen Regierung bekanntes revolutionäres Individuum mit den Reformen Deutschlands vereinigte, um die alten jüdischen, positiv religiösen Grundsätze an der Urquelle zu zerstören und zu diesem Ende nach Jerusalem reiste, um unter den dortigen Juden einen reformirten Gottesdienst und moderne europäische Institutionen einzuführen, hat der gehorsamst Gefertigte keinen Augenblick gesäumt, um auf alle großen europäischen Judengemeinden durch Wort und Schrift einzuwirken und gleichzeitig als Curator der Juden in Palästina eine Denkschrift 1 dem hohen k.k. Ministerium des Äußeren zu unterbreiten und so es in seiner Stellung nur möglich war, Alles aufzubiethen, um diesen Frevel zu verhindern.
    Die kaiserliche Regierung weiß es, welche Angriffe der gehorsamst Gefertigte damals erdulden mußte, um diesen für die religiöse Zukunft aller europäischen Juden gefahrdrohenden Anschlag zu vereiteln. Er ist aber vereitelt worden und dem hohen Ministerium des Äußeren ist es gewiß nicht fremd geblieben, wie sich die Juden in Palaestina bei jeder Veranlaßung, die das Interesse des österreichischen Kaiserreiches berührt hat, benommen haben. Während dem auf diese Weise die Grundbedingungen zur Erhaltung des alten jüdischen Glaubens vertheidiget und gerettet wurden, hat der gehorsamst Gefertigte gewiß nichts vernachläßiget, um die einzelnen schwankenden Judengemeinden in den Kronländern in ihrer alten religiösen Überzeugung zu erhalten, jede neologische Kundgebung möglichst niederzuhalten, namentlich die altgläubigen Rabbiner in ihrem Kampfe gegen die modernen Prediger zu ermuthigen und nach Kräften zu unterstützen. In allen Provinzialhauptstädten und in allen reichen Judengemeinden, wo die Reform nicht zu unterdrücken war, war derselbe bemüht, mindestens überall die altgläubige Parthei zu erhalten, zur Ausdauer aufzumuntern und die Kluft zwischen ihnen immer schroffer auszubilden. Die Anstrengungen des gehorsamst Gefertigten, der Reform in der kaiserlichen Residenz möglichst entgegenzuwirken, auf die derselbe den höchsten Werth gesetzt hat, sind wohl allen Behörden seit mehr als 20 Jahren genügend bekannt. Mehr als 15 altgläubige Bethhäuser sind auf seine Veranlaßung in Wien und dessen nächster Umgebung in‘s Leben getreten. Einen Theil derselben hat der gehorsamst Gefertigte persönlich errichtet und, um eine altgläubige Fraction mit Sicherheit zu erhalten, hat derselbe schon im Jahr 1849 eine eigene altgläubige Religionsschule errichtet, welche derselbe – laut Eurer Excellenz bekannten ämtlichen Daten – größtentheils auf eigene Kosten erhalten hat und die nun mit Bewilligung des hohen Cultusministeriums gesetzlich fortbesteht. Es ist kaum ein Jahr vorüber und Euer Excellenz dürften wohl die ganze Angelegenheit noch in voller Erinnerung behalten haben, als die israelitische Hauptgemeinde zu Makó im Banat durch einige Neologen und durch die Unterstützung des Stuhlrichteramtes gewaltsam reformirt wurde. Die alte Synagoge war bereits zerstört und in einen Tempel mit Choralgesang umgewandelt, der Concurs für einen modernen Prediger in den öffentlichen Blättern bereits ausgeschrieben und als sich der dortige Rabbiner und die Gemeindeangehörigen aus Banat an den gehorsamst Gefertigten wendeten, wurden dieselben aufgemuntert und ermuthiget. Dieselben kamen nach Wien – der gehorsamst Gefertigte leitete diesen Proceß durch 18 volle Monate – verfertigte persönlich alle Eingaben bei den unteren Behörden und das Resultat ist Eurer Excellenz bekannt. Der Cultusvorstand der Hauptgemeinde Makó wurde durch eine überwiegende Majorität abgesetzt, der alte Rabbiner wieder in Ehren berufen, die Synagoge hergestellt, der Tempel, Choralgesang, alle neologischen Einrichtungen beseitigt und alle kleineren umliegenden Gemeinden im Banat von dieser Plage gänzlich befreit.
    Es ist kaum 8 Tage, daß ein ähnlicher Fall in der Judengemeinde Verbocz durch Vermittlung des gehorsamst Gefertigten beim hohen Cultusministerium verhindert wurde und in diesem Augenblicke befindet sich ein Abgeordneter des Ober- und Comitatsrabbiners Frieden aus Comorn bei dem gehorsamst Gefertigten, der um Rath bittet, wie in dieser Gemeinde der durch eine geringe Anzahl Neologen angestrebten Umgestaltung der alten Synagoge und der Berufung eines modernen Predigers daselbst zu begegnen wäre, um alle kleineren Judengemeinden in diesem Comitate von reformsüchtigen Bestrebungen ferne zu halten.
    Ist schon die Zahl solcher Fälle, welche durch die Vermittlung des gehorsamst Gefertigten seit dem Jahr 1848 zu Gunsten der altgläubigen Juden entschieden worden sind, keine geringe und der Herr Referent im hohen Cultusministerium dürfte es wohl wissen, daß in den letzten Jahren kaum 8 Tage verstrichen sind, wo der gehorsamst Gefertigte nicht in solcher Angelegenheit beschäftiget war, so sind diejenigen Fälle in so vielen Judengemeinden der Kronländer, wo die neologischen Kundgebungen gleich im Entstehen unterdrückt worden sind, gewiß die überwiegenden.
    Wenn nun die Animosität der Reformparthei, welche aus solchen Veranlaßungen von jeher ausschließlich gegen den gehorsamst Gefertigten gerichtet war, sich leicht ermessen läßt, so müßte sich dieselbe in den letzten Jahren aus politischen Rücksichten um so mehr steigern.
    Alle Welt kennt die regierungstreuen Gesinnungen der altgläubigen Juden und Niemand kann gewißenhafter darüber berichten als der gehorsamst Gefertigte. Alle Rundschreiben der Gemeinden und deren Rabbiner, jeder Aufruf der jüdischen Synode in Palästina und alle patriotischen Kundgebungen derselben, wie sie in so vielen bewegten Zeiten und während dem letzten italienischen Kriege in den Tagsblättern abgedruckt waren, hat der gehorsamst Gefertigte verfaßt und dem Redacteur der Wiener Zeit. persönlich übergeben, die in der Regel dem Herrn Minister des Innern und nicht selten auch Eurer Excellenz vor dem Drucke zur Einsicht unterbreitet wurden. Daß dies nicht im Sinne der Neologen war, daß ihre Wünsche und Absichten durch solche Kundgebungen vielmehr stets vereitelt worden sind, unterliegt keinem Zweifel und die Reformparthei klagt in der Presse und auf der Kanzel fortwährend laut darüber, "welchen Druck die altgläubigen Juden auf die Männer des Fortschritts üben, wie Letztere von dieser Parthei stets controllirt, überwacht und auf allen Wegen beobachtet werden".
    Es kann hier wohl nicht die Absicht sein, all‘ die Zahlen und Daten in Erinnerung zu bringen, die seit 20 und 25 Jahren bei so vielen Gelegenheiten davon Zeugnis geben, mit welch‘ treuer Anhänglichkeit die altgläubigen Juden im Interesse des Thrones und der legitimen Regierung thätig waren.
    Der gehorsamst Gefertigte möchte nur einen einzigen Fall hervorheben, der erst in der letzten Zeit eingetreten ist und der es deutlich zeigt, daß nichts vernachläßigt wurde, selbst auf die Gefahr hin, von den eigenen Gesinnungsgenossen verurtheilt zu werden, um die kaiserliche Regierung von jeder Unannehmlichkeit zu verschonen.
    Als die Mortara’sche Angelegenheit seiner Zeit in Europa so viel Aufsehen verursachte, wurden auf Cavours Veranlaßung, von Alessandria datirt, die heftigsten Pamphlete gegen den Pabsten unter den Juden Europas verbreitet. Sir Moses Montefiore, von einem in London zu diesem Zwecke eigens gebildeten Comité gedrängt, mußte mit seiner Unterschrift versehen, alle größeren Judengemeinden in Europa auffordern, im Interesse der Mortara’schen Familie zu wirken. Der gehorsamst Gefertigte hat keinen Augenblick gesäumt, alle diese italienischen, offenen und geheimen Rundschreibungen, so wie ihm dieselben von den Rabbinern zugeschickt worden, theils Eurer Excellenz und theils Seiner Eminenz dem Cardinal Erzbischofe von Rauscher auszufolgen. Derselbe verfertigte gleichzeitig ein Rundschreiben, welches dem damaligen Herrn Unterstaatssecretär Freiherrn von Werner zur Einsicht übergeben wurde, das bestimmt war, die Aufforderung Sir Moses Montefiore’s an die Juden zu entkräftigen und der königlich englische Oberlandesrabbiner Adler mußte Alles aufbiethen, um Montefiore von weiteren Schritten abzumahnen.
    Was nun auch weiter in dieser Angelegenheit in England geschehen – Tathsache ist, daß nicht eine einzige altgläubige Judengemeinde, noch weniger ein Rabbiner derselben weder einen übeln Laut in der Presse noch sonst einen feindlichen Schritt gegen die päbstliche Regierung versucht hat. Ist nun eine solche Wirksamkeit schon an und für sich keine angenehme, so mußte dieselbe aus ganz anderen Gründen immer größere Schwierigkeiten biethen.
    Von einer Legion Feinde fortwährend umgeben, die durch ihre hervorragende Stellung in allen Regierungskreisen einen Ruf und einen Namen haben, mußte sich der gehorsamst Gefertigte stets an treubewährte Räthe der Krone halten, die auf eine bevorzugte persönliche Stellung keine Rücksicht nehmen. Eben aber dieser Umstand wurde von den Gegnern stets als Waffe benützt, um die unteren Stellen, namentlich die Polizeibehörde, durch Einflüsterung "von Umgehung und Hintansetzung" gegen den gehorsamst Gefertigten in einer unfreundlichen Stimmung zu erhalten.
    Von solchen und ähnlichen Verdächtigungen auf das bestimmteste überzeugt und in der drückenden Ungewißheit, was über den gehorsamst Gefertigten hohen Ortes berichtet wird, wollte sich derselbe längst gegen jede ihm zugemuthete unlautere Gesinnung feierlichst verwahren.
    Da sich nun der gehorsamst Gefertigte aus einer ganz anderen Veranlaßung hiezu entschloßen hat, möchte derselbe bei dieser Gelegenheit noch hinzuzufügen, daß er seit 25 Jahren die religiösen Angelegenheiten seiner Glaubensangehörigen vertreten und vertheidiget, tausende Nächte durchwacht, eine offene und eine geheime Correspondenz persönlich geführt, unzählige Eingaben, Brochuren und Denkschriften, in ihrem Interesse verfaßt und veröffentlicht hat, verbunden mit wesentlichen Geldauslagen, Vernachläßigung seines Geschäftes und seiner zahlreichen Familie und es würde dem gehorsamst Gefertigten eine besondere Beruhigung gewähren, wenn eben jene Behörden, die in ihren Berichten für seine Bestrebungen keine sonderliche Sympathie Kund gegeben haben, es ämtlich ermitteln möchten, ob der gehorsamst Gefertigte innerhalb dieser Zeit von irgend einer Judengemeinde, einem Rabbiner derselben oder sonst von irgend einem Laien während seiner ganzen Wirksamkeit die Rückerstattung nur eines Stämpelbogens gefordert oder sonst eine directe oder indirecte Wohlthat von Jemand empfangen habe.
    Wenn nun diese kurzgefaßte Zusammenstellung von Thatsachen zunächst den Zweck hatten, die bisherige Thätigkeit des gehorsamst Gefertigten in ihrer lauteren Wahrheit wieder zu geben, um sich hierüber die gnädige Beurtheilung Eurer Excellenz ehrerbiethigst zu erbitten, so geht aus derselben andererseits nicht minder deutlich hervor, mit welch‘ persönlicher Gefahr und mit welchen Schwierigkeiten solche Bestrebungen in der heutigen Zeit verknüpft sind.
    Durch die neuesten Änderungen in den politischen Verhältnissen der Juden in Oesterreich und durch die hieraus entstehende vollkommen freie Bewegung derselben werden in der nächsten Zukunft in allen Kronländern des Kaiserreiches neue Judengemeinden erstehen, ohne in diesen frei gewählten Niederlaßungen irgend etwas zu finden, was dieselben an ihre alten religiösen Formen und Gebräuche ermahnen könnte und die, "wenn sie nicht sämmtlich in die Gewalt der Neologen gänzlich verfallen sollen", eine sorgfältige Überwachung und die volle Aufmerksamkeit der kaiserlichen Regierung bedürfen.
    In der kaiserlichen Residenz, in der nächsten Umgebung derselben und in ganz N[ieder]Oesterreich überhaupt, haben sich bereits diese Folgen auf eine besorgniserregende Weise kundgegeben.
    Von diesem Zustande genau unterrichtet, hat der gehorsamst Gefertigte schon im Jahr 1857 eine umständlich verfaßte Denkschrift dem hohen Cultusministerium unterbreitet und auf all‘ diese Erscheinungen aufmerksam gemacht, wie sie nun in der letzten Zeit immer deutlicher hervortreten. Derselbe hat damals gleichzeitig die Mittel bezeichnet, wie diesem Übel nach seiner innigsten Überzeugung am gründlichsten zu begegnen wäre. Allerdings bilden noch die altgläubigen Elemente im Kaiserreiche die überwiegende Mehrzahl und noch weit günstiger besteht das Verhältnis der alten Rabbiner zu den neologischen Predigern, allein es hat den alten Fractionen stets an Muth gefehlt, für ihre Sache offen in die Schranken zu treten. Die Rabbiner zeigen eine ängstliche Scheu vor den Auslaßungen der neologischen Presse und für die Öffentlichkeit überhaupt. Die Laien schrecken und weichen zurück vor den vollklingenden Namen und der hervorragenden Stellung ihrer Gegner, das Hauptgebrechen leider aber ist, daß der allgrößte Theil der altgläubigen Juden in der That nicht fähig ist, ihren Wünschen und Gesinnungen bei den Landesbehörden durch Wort und Schrift Geltung und Nachdruck zu verschaffen.
    Wenn nun die alten Judengemeinden und ihre Rabbiner dennoch bis heute in ihren religiösen und politischen Grundsätzen unerschütterlich ausgeharrt haben, so war es lediglich der Glaube, und sie sind unabläßig hierin bestärkt worden, daß sie die Sympathie der kaiserlichen Regierung besitzen und in der Noth auf eine unmittelbare Unterstützung derselben mit Sicherheit rechnen dürfen. Die leiseste Kundgebung, welche die altgläubigen Juden in dieser Überzeugung erschüttern könnte, würde eine große Entmuthigung und eine gänzliche Zerfahrenheit in der bisherigen Richtung dieser Volksklasse unvermeidlich herbeiführen und die einzigen wiederstrebenden Elemente gegen alle neologischen Versuche unter den Juden Oesterreichs für immer lähmen und zerstören.
    Jeder, der die äußersten Anstrengungen kennt, Jedweder, der es weiß, was in viel besseren Zeiten aufgebothen werden mußte, um einer progressiven neologischen Überfluthung unter den Juden des Kaiserreiches Einhalt zu thun, würde eine solche Eventualität immer im Auge behalten müssen.
    Die Erhaltung einer Volksklasse in ihren alten religiösen und regierungstreuen Grundsätzen, einer Volksklasse, die im ganzen Reiche mit der Landbevölkerung im innigsten Verkehre steht, soll nicht durch Namen und Personen, noch weniger durch die Existenz eines einzelnen Menschen bedingt sein.
    "Das Urtheil aller europäischen Regierungen und der weisesten Kirchenfürsten über das, was die altgläubigen Juden aus politischen und religiösen Rücksichten in jedem Staate und namentlich in der heutigen Zeit bedeuten, ist längst bekannt."
    "Möge auch die altehrwürdige römisch-katholische österreichische kaiserliche Regierung, die nächst Rußland, die meisten Israeliten aufgenommen hat, die Sache ihrer altgläubigen jüdischen Unterthanen einer gnädigen Prüfung im hohen Ministerrathe werth finden."
    Eine rasche und entschiedene Kundgebung, aus der alle Landesbehörden den Wunsch und den Willen der kaiserlichen Regierung erkennen möchten, den altgläubigen Juden in der Gründung und Erhaltung ihrer alten religiösen Institutionen die vollste Freiheit zu gewähren und dieselben gegen jeden Eingriff der Reformen möglichst zu schützen, würde die frommen Judengemeinden, ihre Rabbiner und jeden einzelnen altgläubigen Juden wieder beleben, aufrichten und ermuthigen und der gehorsamst Gefertigte würde sich vollkommen glücklich fühlen, wenn derselbe die trostreiche Beruhigung fände, daß er seine besten Kräfte für eine göttlich heilige Sache nicht vergeblich erschöpft hätte.
    Im Gefühle der unwandelbarsten treuen und aufrichtigen Ergebenheit

    Eurer Excellenz

    ganz gehorsamster
    Ig. Deutsch

    Wien, am 10. April 1860