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Dokument Georg Curtius an Hermann Bonitz
Prag, 27. Dezember 1853
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D245
Regest

Der klassische Philologe Georg Curtius beklagt sich bei Hermann Bonitz über das Verhalten einiger Professoren der Universität Prag gegenüber ihren Studenten. Manche Professoren würden nämlich die Vorgaben des Organisationsentwurfs nur teilweise akzeptieren und vielfach in alte Verhaltensmuster zurückfallen: So werden etwa die Anwesenheit der Studenten kontrolliert oder Prüfungen durchgeführt, die nicht vorgesehen seien. Sollte diesem Zustand nicht Einhalt geboten werden, so wäre die Wiedereinführung des alten Systems der Semestralprüfungen wohl bald wieder auf der Tagesordnung. Manche Professoren, etwa Eduard Chambon oder Hermann Schwanert, würden dann sicherlich den erstbesten Ruf annehmen, um aus Prag fortzukommen. Curtius glaubt daher, dass nur ein Machtwort des Ministeriums Abhilfe schaffen könne. Abschließend erkundigt sich Curtius, ob in Wien eine ähnliche Entwicklung zu beobachten sei.

Beilagen, Anmerkungen

Abschrift.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Abschrift <eines Briefes des Prof. Curtius an Prof. Bonitz>1

    Was hat es denn mit den schauerlichen Gerüchten auf sich, welche in Betreff bevorstehender Studienreformen – wie es scheint sind die Gymnasien gemeint – die Zeitungen durchfliegen? Da ist von Wiedereinführungen der alten Prüfungen usw. die Rede, von obligaten und nicht obligaten Fächern. Die Sache hat hier bedeutendes Aufheben gemacht, zumal man – wie ich glaube mit Unrecht – sie auf die Universitäten bezog.
    Übrigens geht es mit diesen auch sicherlich schief, wenn nicht sehr bald dem servilen Eifer einer Anzahl von Professoren ein Ziel gesetzt wird, welche seit dem bekannten Ministerialerlaß über Disputationen etc. die Studenten ärger als Schulbuben behandeln. Folgende Thatsachen kann ich Ihnen verbürgen. Unserm Professor Padlesak ist seit einem Erlaße, der seinen „Übungen in der Gymnasialpädagogik“ einen für alle Lehramtscandidaten obligatorischen Charakter gibt, dermaßen der Kamm geschwollen, daß er die Studenten zur Verzweiflung treibt. Er läßt in diesem einstündigen Colleg nicht bloß Vorträge halten, sondern nöthigt jeden einzelnen von Zeit zu Zeit eine schriftliche Arbeit einzuliefern. Als ihm eine Anzahl davon gebracht wird, gibt er sie zurück, weil sie nicht in einem Formate geschrieben seien. Außerdem liest er sehr oft den „Katalog“, ruft Leute, die nur ein einziges Mal gefehlt haben, vor und reißt sie herunter wie Gassenbuben. Dazu examinirt er auch noch über das Wenige, was er vorträgt oder dictirt, denn eine Reihe von Stunden ist mit dem Dictiren einzelner Abschnitte aus dem „Organisationsentwurfe“ hingebracht. Das nennt man Wissenschaft! Auch andere Professoren fangen an, die Studenten wie Schuljungen aufzurufen und zu examiniren, sich kleine elende Pensa von ihnen liefern zu lassen, ja sogar (so Gubernialrat Schnabel) sie Clausurarbeiten anfertigen zu lassen. Wenn man hierin nicht Einhalt thut, so wird sich die Meinung immer allgemeiner verbreiten, die man schon jetzt vielfach äußern hört, daß die Wiedereinführung der alten Prüfungen eine Erleichterung wäre im Vergleich mit dem jetzigen Zustande, bei dem die Studenten der ungezügelten Willkür der einzelnen Professoren preisgegeben sind. Ist es anders möglich, als daß auf diese Weise binnen kurzem jedes selbständigere Streben in den jungen Leuten erstickt und jener Unmuth wieder erneuert werde, aus dem nichts hervorgehen kann als jämmerliche Mittelmäßigkeit? Natürlich gibt es eine Anzahl von Professoren, die sich zu solchen Erbärmlichkeiten nicht herbeilassen. Aber das Gift wird immer weiter um sich fressen und schon jetzt hört man Klagen über unziemliches Betragen der Studenten, wovon nie die Rede war, solange man diese behandelte, wie es sich gebührt. Wie steht es denn bei Ihnen in Wien? Zeigt sich dort nicht dasselbe? So trüb wie jetzt ist mir der Zustand des Unterrichtswesens noch nie erschienen. Mit meinen Zuhörern habe ich Grund zufrieden zu sein; aber was hilft es, wenn im Ganzen die Barbarei hereinbricht, deren entsittlichender Einfluß sich auch denen bemerkbar machen wird, die keine Schuld daran haben! Ich stehe mit dieser Auffassung nicht allein da, Höfler z. B. theilt sie ganz, und Chambon, der mit den besten Hoffnungen herkam, ist schon völlig umgestimmt. Er wird gewiß, wie Schwanert, die erste Gelegenheit benützen fortzukommen. Helfen könnte allein ein entschiedenes und kräftiges Wort von Seiten des Ministeriums.

    Prag, 27. Dezember 1853