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Dokument František Ladislaus Čelakovšký an Leo Thun
o. O., 16. März 1851
Signatur Tschechisches Literaturarchiv [Literární archiv Památníku národního písemnictví]
Nachlass Čelakovšký
250/42
Regest

Dem Slawisten František Čelakovský wurde von Leo Thun mitgeteilt, dass der dritte Band seines böhmischen Lesebuches in der gegenwärtigen Fassung nicht als Lehrbuch für die Gymnasien geeignet sei. Čelakovský erläutert daher seine Ansichten gegen die von Thun erhobenen Einwände: Der dritte Band ist ein Leitfaden zur praktischen Darstellung der Literaturgeschichte, dessen Bearbeitung sich allerdings als schwierig darstellte. Der Grund hierfür lag insbesondere darin, dass es nur wenig böhmische Literatur gebe. Er stimmt zwar mit Thun grundsätzlich darin überein, dass eine Literaturgeschichte nicht an das Nationalgefühl eines Volkes appellieren sollte, trotzdem ist er der Meinung, dass ein gewisses Lob auf die eigene Nation einen guten Einfluss auf die Jugend habe. Auch könnten Hus und Žiska nicht aus der Literaturgeschichte verbannt werden, da sie Bestandteil der Weltgeschichte seien. Ferner rechtfertigt er seine Auswahl von Stücken mit erotischem Inhalt: Sofern diese nicht gegen Recht und Sittlichkeit verstoßen würden, sollten diese seiner Ansicht nach für Schüler zugänglich sein. Den Vorwurf einer zu geringen Berücksichtigung der mährischen und slowakischen Literatur weist er mit dem Verweis auf die geringe Anzahl von literarischen Werken in diesen Sprachen zurück. Sollte Thun trotz dieser Einwürfe auf Änderung bestehen, würde sich Čelakovský gezwungen sehen, von der Umarbeitung des dritten Bandes abzusehen und den Auftrag zurückzugeben.

Beilagen, Anmerkungen

Eh. Konzept von František Čelakovšký.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Aus dem mir von Eurer Exzellenz über den 3. Band des böhmischen Lesebuchs 1 zugekommenen Bescheide 2 habe ich ersehen, daß dasselbe in seiner gegenwärtigen Abfassung als nicht geeignet für den Gymnasialgebrauch befunden wurde. Obgleich ich nicht in Abrede stellen will, daß manches von den dort aufgenommenen Stücken nun als nicht ganz passend und zeitgemäß erscheinen mag, so war ich doch ob der Menge der mir vorgehaltenen Ausstellungen nicht nur sehr unangenehm berührt, sondern ich muß auch die ergebenste Bitte stellen, meinen Ansichten und Gegengründen ein geneigtes Gehör zu schenken, da es mir durchaus nicht gleichgültig sein kann, in welchem Lichte ich in dieser Beziehung vor Eurer Exzellenz erscheine. In dem von mir abgeforderten und Eurer Exzellenz in Wien vorgelegten Entwurf zur Abfassung der böhmischen Lesebücher bezeichnete ich den 3. Band ausdrücklich als einen Leitfaden zur praktischen Darstellung der Litteraturgeschichte, die am Obergymnasium tradiert wird, und es sollten nebenbei auch Proben der verschiedenen Stil- und Dichtungsarten gegeben werden, so weit es nur immer der beschränkte Raum gestattet und unsere Litteratur solche darbietet. Daß ferner bei den jetzigen Umständen in einem böhmischen Lesebuche auf eine correcte Diction in eben dem Grade, ja noch mehr als auf den didaktischen Inhalt Bedacht zu nehmen seie, schien mir unerläßlich. Eure Exzellenz haben die großen Schwierigkeiten, die sich einer solchen Arbeit in den Weg stellen und die aus der eigentühmlichen Lage unserer geringen Litteratur resultiren, allerdings nicht verkannt; allein diese ihre Färbung ganz unbeachtet zu lassen oder verwischen zu wollen, ist geradezu unmöglich und steht mit dem Begriffe eines chronologisch geordneten Handbuches im Widerspruche.
    Ich stimme auch darin Eurer Exzellenz vollkommen bei, daß ein Volk höher steht, welches nicht fortwährend an das Nationalgefühl in Vers und Prosa bemüßigt ist zu appeliren nöthig hat, und daß auch für uns Böhmen die Zeit kommen muß, wo wir uns dieses Hebels werden entschlagen können. Eure Exzellenz sind aber in unsere Litteratur und Lebensverhältnisse zu tief eingeweiht, als daß ich zu erinnern brauchte, wie grade dies Festhalten an dem übernommenen Erbe und der Kampf für dasselbe den rothen Faden bildet, der sich seit den ältesten Zeiten durch das Leben unsres Volkes hinzieht, und wie eben dieser Mahnruf als einer der Hauptfaktoren anzusehen ist, der unsere klägliche Lage Zustand [sic!] nach und nach zum Bessern führte.
    Hätten die Wecker Puchmajer, Jungmann, Kollàr u. a. nicht mit starker Hand an die Thür des Hauses gepocht, wir schliefen wahrscheinlich noch den tiefen Schlaf wie zu Ende des vorigen Jahrhunderts. In dem Grade als wir reicher werden, werden auch die Klagen über Armuth von selbst abnehmen; früher kaum. Es thut mir daher leid, daß vornähmlich gegen die aus Puchmajer aufgenommenen Gedichte Bedenklichkeiten erhoben wurden, da z.B. das Gedicht Hlas Čecha 1802 (das nebenbei gesagt ein Meisterstück echt böhmischer Sprache ist) durch die Vergleichung unserer jetzigen Lage gegen jene vor 50 Jahren nur von einem wohlthätigen Einfluß auf unsere Jugend sein kann und sie wirklich zum wahren Danke und Anhänglichkeit an die Regierung zu stimmen im Stande ist. Es schien mir unerläßlich in das Lesebuch auch ein paar rhetorische Stücke aufzunehmen. Unsere Litteratur ist aber so arm auf dem Gebiete der weltlichen Beredsamkeit, daß ich durch die Aufzeichnung der zwei kurzen Landtagsreden aus der Noth eine Tugend machen mußte. Kollàrs Rede dagegen glaube ich noch jetzt vor dem ihr gemachten Vorwurfe schützen zu müssen, da ein auf anerkannt guten Eigenschaften und wirklichen Tugenden begründetes Lob der eigenen Nation nur zur Stärkung und Erhebung des Gemüthes führen kann und auch ein solches derartig gerechtes Selbstlob an keinem anderen Volke je getadelt wurde.
    Keine andere Auswahl war auch bei den dramatischen Proben möglich, da bekanntlich allen besseren Arbeiten dieser Art stets ein Liebesmotiv zu Grunde liegt, was doch von dem Buche fern gehalten werden mußte.
    Slatoslav [sic!, richtig Svatislav]3 ist freilich keine klassische Arbeit, aber als Aushülfe, so lange nichts Besseres da ist, immer zu brauchen. Eure Exzellenz wünschen auch die Namen Hus und Zižka aus dem Lesebuche ganz ausgeschlossen zu sehen. Doch können meines Bedünkens diese Namen eben so wenig in einer und wenn auch wie immer kurzgefaßten böhmischen Litteraturgeschichte als in der Weltgeschichte stillschweigend übergangen werden. Die wenigsten Proben, die ich excerpirte, ja stehen, wie ich hoffe, zu der Religion in keiner Beziehung und wenn ich aus Hussens Schriften kaum 4 Seiten aufnahm, so ist das Beweis genug, wie kurz ich über diese delikate Sache hinwegzukommen suchte. Eurer Exzellenz kann es nicht entgangen sein, wie in unserm Jahrhundert diese Namen nur dadurch bei Jung und Alt zu dem unverdienten Ansehen gelangten, weil man sie unserm Volke auf jede mögliche Art zu verleiden suchte. Würde man in dieser Weise auch fernerhin vorgehen, so würde das, was man bezwecken will, kaum erreicht werden und man würde vielmehr der eigenen Absicht entgegen arbeiten. Weist man aber diesen Namen den ihnen gebührenden Platz an, bestimmt wird auch ihr Glanz verschwinden und die Menge wird sie für keine außergewöhnlichen Erscheinungen mehr hinnehmen. Ich würde schließlich das Lied Obraz [?] kaum der Erwähnung werth halten, knüpfte sich nicht daran eine Bemerkung, die ich nicht unterdrücken kann. Ich gestehe es offen, ich habe das Gedicht und ein paar Sonette, die in das erotische Gebiet hinüber streifen nicht ohne Absicht gewählt, weil ich keinen hinlänglichen Grund sehe, warum man reiferen Jünglingen auch ein und das andere Gedicht dieser Art vorenthalten sollte, sofern es nicht gegen Anstand und Sittlichkeit verstößt und weil manche der besseren ausländischen Lesebücher für höhere Bildungsanstalten dieselbe Methode befolgen. Denn wollte man consequent sein, dürfte man keinen einzigen Dichter Schülern des Obergymnasiums zur Lectüre anempfehlen. Wenn dann um dieselbe Zeit oder einige Jahre darauf unsere Jünglinge verhalten werden, sich mit römischen Klassikern vertraut zu machen, was hätte man erst hier zu besorgen und welche Scenen der Verderbtheit und Unmoralität treten ihnen da vor die Augen! – Tupy’s Gedichte sind aber so geartet, daß ich sie selbst als Vater jedem meiner Kinder in die Hand geben will, ohne den mindesten Nachtheil daraus besorgen zu müssen. Auch der Vorwurf, ich hätte der litterärischen Thätigkeit der Mährer und Slowaken zu wenig Rechnung getragen, kann mich gar nicht treffen, da es wahrlich Niemandem mehr als eben mir recht erwünscht gewesen wäre, von dieser Seite her eine reichere Ausbeute zu machen. Das Lesebuch weist noch die Namen Žerotin, Komenský, Palacký, Holý, Kolár, Šafařik, noch andere, die einen festen Fuß in unserer Litterärgeschichte gefaßt hätten oder deren Arbeiten für mein Lesebuch sprachlich und fachlich paßten, habe ich nicht vorgefunden und (sehe ich mich vergebens um).
    Sollte es dennoch Eure Exzellenz als unabweisbar und durchaus nothwendig finden, daß von den mir vorgehaltenen Änderungen und Weglassungen in keiner Weise abzugehen sei, so sehe ich keine Möglichkeit vor mir in den so eng gezogenen Gränzen mich des hohen Auftrags mit dem gehofften Erfolg entledigen zu können und wäre genöthigt von der weiteren Umarbeitung des dritten Theils ganz abzustehen.
    Höchstens wäre es möglich, einen den ersteren zwei ähnlichen Band von lose zusammengetragenen Lesestücken und ohne alle chronologische Verbindung zu Stande zu bringen, was aber keineswegs das wäre, was ich anfänglich im Sinne trug und proponirte.

    Indem ich der hochgeneigtesten Entschließung darüber entgegensehe, habe ich die Ehre mich mit tiefer Ehrfurcht zu zeichnen

    Eurer Exzellenz

    ergebenst unterthäniger
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    16. März 1851