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Dokument František Ladislaus Čelakovšký an Leo Thun
o. O., 24. November [1850] 1
Signatur Tschechisches Literaturarchiv [Literární archiv Památníku národního písemnictví]
Nachlass Čelakovšký
250/42
Regest

Der Slawist František Ladislaus Čelakovský bezieht Stellung zur Kritik Leo Thuns an der Auswahl der Lesestücke in der von ihm bearbeiteten Fibel. Er bedauert seine Unachtsamkeit und will die beanstandeten Stücke durch andere ersetzen und die jeweils betroffenen Bögen neu drucken lassen. Sollte Thun mit dem bereits Gedruckten des zweiten Bandes ebenfalls nicht einverstanden sein, so will er das Manuskript nochmals neu ordnen. Čelakovský könnte es jedoch auch verstehen, wenn ihm Thun den Auftrag für die Gestaltung des Schulbuches entziehe. Čelakovský war sehr wohl bewusst, dass die erste Fassung noch nicht allen Anforderungen entsprechen konnte. Der Grund dafür lag vor allem in dem Mangel an Zeit. Bei mehr Zeit und Muße wäre eine sorgsamere Durchsicht möglich gewesen, um das Lesebuch seinem Zweck entsprechend gestalten zu können.

Beilagen, Anmerkungen

Eh. Konzept von František Ladislaus Čelakovšký.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Mit wahrer Betrübnis habe ich aus dem geneigtesten Schreiben Eurer Exzellenz ersehen müssen, wie es mir denn trotz der angewandten Mühe doch nicht gelungen ist, dem von Eurer Exzellenz in mich gesetzten Vertrauen nach allen Seiten hin zu entsprechen. Ich habe die im ersten Bande2 gerügten drei Nummern alsogleich zur Durchsicht genommen und muß nun nach strengerer Prüfung derselben den mir von Eurer Exzellenz gemachten Ausstellungen leider ohne Bedenken beipflichten. Fällt es mir nun gleich schwer mich in diesem Falle zu rechtfertigen, so glaube ich doch Eure Exzellenz werden meiner Entschuldigung ein geneigtes Gehör nicht versagen. Bei der Auswahl der einzelnen vorzüglich poetischen Stücke fand ich mich keineswegs in der glücklichen Lage, in der sich die Verfasser von derlei Lesebüchern, aus einer reichhaltigen Litteratur schöpfend befinden, da sie leicht alle zweifelhaften Piecen bei Seite legen und durch andere zu ersetzen im Stande sind. Unsere poetische Litteratur leidet zwar keinen Mangel an erotischen Gedichten, patriotischen Ergießungen u. dgl., aber fürwahr die Hände sind einem Sammler sehr gebunden in der Auswahl anderer der Jugend zusagenden Dichtungsarten, die in Form, Gehalt und Diktion jener gleich stünden. Daß es in meiner Absicht lag, so viel nur immer möglich, alle erotischen Gedichte von der Sammlung fern zu halten, dürfte, wie ich glaube, kaum zu verkennen sein.
    Obwohl das Mailied3 an und für nichts Verfängliches enthält, so sehe ich gleich wohl ein, dasselbe passe der einen von mir übersehenen Strophe wegen nicht in das Lesebuch. Bei dem anderen Gedichte ließ ich mich durch die Authorität Jungmanns irre führen, der es in ein ähnliches Lesebuch, nämlich seine Slovesnost 4, aufnahm. Und so wurde auch der Artikel von Čaplowič ([?]75) in seiner Beziehung für Ungarn nicht gehörig erwogen wegen der Hast, mit welcher ich den Stoff zusammensuchen mußte, als gegen das Ende des Druckes das Manuskript für die angesetzte Bogenzahl nicht ausreichte und die Zeit zum Erscheinen schon zu sehr drängte.
    Sollte nun in dem 1 Theile keine weitere Unzukömmlichkeit vorkommen, so bin ich bereit die drei angeregten Stücke alsogleich durch andere zu ersetzen und den Bogen umdrucken zu lassen. Ich erlaube mir auch die bereits gedruckten Bogen des zweiten Bandes Eurer Exzellenz zur Ansicht vorzulegen. Sollten Hochdieselben auch hier mit der Tendenz oder mit der Aufnahme einzelner Stücke nicht einverstanden sein, dann bliebe mir nichts übrig, als das noch ausstehende Manuskript zu ordnen und es früher Eurer Exzellenz einzusenden oder aber mir die Fähigkeit zur Abfassung derlei Schriften ganz abzusprechen und von der weiteren Ausgabe abzustehen. Einstweilen habe ich den weiteren Satz und Druck einstellen lassen. Denn was auch bewog mich dieser Arbeit zu unterziehen, war nichts anders als einen Beweis meiner Willfährigkeit und unbegränzter Verehrung gegenüber Eurer Exzellenz zu geben und unserer vaterländischen Jugend einen kleinen Dienst zu leisten. Daß das Werk gleich nach dem ersten Wurfe und in der verhältnismäßig zu kurzen Zeit kaum allen Anforderungen würde genügen können und bei dem Umfang von 80 Druckbogen auch nicht manchen Mängeln unterliegen muß, sah ich gleich anfangs sehr wohl ein, machte auch kein Hehl daraus und erbat mir daher die erste Auflage in einer kleineren Anzahl von Exemplaren zu veranstalten, da ich bei mehr Muße eine noch reichlichere Nachlese und umständlichere Durchsicht der gesammten Litteratur zur Beseitigung des wie immer noch unvollkommenen Materials zu halten Willens war und jeden Wink, jede Belehrung beachten wollte, um das Lesebuch in der Folge möglichst seinem Zwecke entsprechend herzustellen.
    In der Hoffnung, daß Eure Exzellenz diese meine Entschuldgründe zu würdigen und mein unabsichtliches Versehen auf das gehörige Maaß zu führen wissen werden, habe ich die Ehre mit tiefer Ehrfurcht mich zu zeichnen.

    24. November

    unterthänigst ergeben