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Dokument František Ladislav Čelakovský an Leo Thun
Prag, 11. Oktober 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D75
Regest

František Čelakovský antwortet auf die an ihn ergangene Anweisung der Prager Statthalterei, wonach er einige Worte in dem von ihm verfassten böhmischen Gymnasiallesebuch ändern solle. Er lehnt insbesondere die Änderung des Wortes „Šváb“ (Schwaben) ab, da es für ihn weder einen stichhaltigen Grund noch Bedenken gegen die Verwendung dieses historischen Ausdrucks gebe. Er macht Leo Thun vielmehr darauf aufmerksam, dass ein Umdrucken der Bücher aus seiner Sicht mehr Schaden anrichte als nütze: Die Hälfte der Auflage sei bereits verkauft und zudem erregte bereits der Verkaufsstop große Aufmerksamkeit. Eine zusätzliche Änderung würde wohl nur zur Folge haben, dass die Presse noch mehr Kritik an dem Buch übe. Čelakovský spricht sich daher dafür aus, entweder den Begriff beizubehalten oder das gesamte Kapitel, in dem der Ausdruck verwendet wird, in der folgenden Auflage stillschweigend zu entfernen.

Beilagen, Anmerkungen

Das eh. Konzept zu diesem Brief findet sich in: Tschechisches Literaturarchiv [Literární archiv Památníku národního písemnictví], Nachlass Čelakovšký 250/42.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Hochgeborner Herr Graf!
    Hochgebietender Herr Staatsminister!

    Durch die k.k. Statthalterei ist mir am gestrigen Tage die Weisung zugekommen, in Bezug auf die vorzunehmenden Correcturen in dem 1. Theile des Gymnasiallesebuchs.1Mit großem Befremden sehe ich neben den drei mir bereits bekannt gewordenen Stellen noch eine vierte angemerkt, wo blos die Ausdrücke Šváb, švábský abzuändern seien. Ich muß es Euer Excellenz offen gestehen, daß ich mich vergebens nach einem stichhaltigen Grunde zu dieser Änderung umsehe, auch nicht einsehe, welches Bedenken gegen den Gebrauch des Namens in der Reiseskizze erhoben werden könnte. An ein Schimpfwort ist doch auch nicht im Entferntesten zu denken, weil dann der Name überhaupt und allgemein dafür gelten müßte, was doch nicht der Fall ist. Daß die ersten deutschen Ansiedler nach Gallizien [Galizien] aus Schwaben kamen, ist ja historisch, weshalb sie sowohl Pohlen [sic!] als Russen kaum anders als mit ihrem eigenen Namen bezeichnen konnten und es noch heutiges Tags thun. Zudem ist der Aufsatz von dem ehrenhaften Holowacky geschrieben, im Časopis Museum2 1842 pag. 43 unter Šafařiks Redaction erschienen – Männer, denen doch nicht zuzumuthen ist, daß sie an läppisch verunglimpfenden Ausdrücken Gefallen fänden. Es scheint als habe, wer immer Euer Excellenz darüber referirte, das Wort übertrieben ängstlich aufgefaßt, und ich würde gegen das hohe Ministerium selbst verstoßen, wenn ich nicht darauf aufmerksam machen sollte, das Umdrucken müsse sich eher schädlich als nützlich erweisen. Mehr als die halbe Auflage des ersten Theils befindet sich bereits in den Händen des Publikums, und die Aufmerksamkeit ward ohnehin mehr als nöthig rege, als die Sistirung des Verkaufs anbefohlen wurde. Die Tagespresse, die bereits ihre hämischen Bemerkungen daran knüpfte, würde nach angestellter Vergleichung der Exemplare noch mehr Veranlassung dazu finden. Sollte dennoch eine mögliche Zweideutigkeit in dem Namen Šváb liegen, was ich jedoch hier nicht zugestehen kann, so wäre meiner Ansicht nach besser, bei der zweiten Auflage, die ohnedies nicht lange wird auf sich warten lassen, den ganzen Artikel stillschweigend wegzulassen.
    Genehmigen Euer Excellenz den Ausdruck meiner tiefsten Ehrfurcht entgegenzunehmen, mit der ich verharre

    Euer Excellenz

    gehorsamster
    F. L. Čelakovský

    Prag, 11. Oktober 1850