Max Büdinger an Leo Thun
Wien, 2. April 1859
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Der Historiker Max Büdinger übersendet Leo Thun einen nicht näher bezeichneten Aufsatz. Dieser hatte in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit einiges Aufsehen erregt und ihm zahlreiche Anfeindungen eingebracht. Büdinger versichert Thun, obschon er in keinem beruflichen Verhältnis zum Minister steht, dass er sich bei der Abfassung des Aufsatzes einzig von der Suche nach der Wahrheit und nicht von Gefühlen habe leiten lassen.

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Schlagworte

Edierter Text

Hochgebietender Herr Staatsminister!
Hochgeborner Herr Graf!

Eure Excellenz haben mich vor Jahresfrist etwa mit einem Vertrauen beehrt, das mich ermuthigt, Hochdenselben die beifolgende, mir leider erst vor wenigen Tagen zugekommene Abhandlung zu überreichen.1
Es ist ohne Zweifel zur Kenntnis Eurer Excellenz gelangt, dass sich in Folge der Veröffentlichung dieser Abhandlung gegen meine Ehre ein Gegner erhoben hat, mit welchem ich mich in einen öffentlichen Streit nicht einlassen kann, noch will. Zu einer kurzen Gegenerklärung von meiner Seite, welche in diesen Tagen erscheinen wird2, hat mich nur die Rücksicht auf das unbetheiligte Publikum bewogen.
Nun stehe ich in keinem amtlichen Verhältnisse zu Eurer Excellenz und werde auch schwerlich jemals in einem solchen zu Hochdenselben stehn; aber ich fühle mich doch gedrungen, ohne dass irgend jemand von diesem, vielleicht kühn erscheinenden Schritte weiß, meinem gepressten Herzen vor Ihnen, Herr Graf, und nur vor Ihnen, Luft zu machen.
Es ist möglich, dass ich nach Menschenart in der beifolgenden Schrift geirrt habe, und ich überlasse das getrost der erleuchteten Prüfung Eurer Excellenz. Dessen aber bin ich mir bewusst, und ich kann es feierlich erklären, dass nicht Liebe oder Hass gegen irgend einen Menschen, sondern der reine Trieb, die Wahrheit zu finden und zu sagen, mich geleitet hat. Sie werden selbst erkennen, dass ich die Namen der betheiligten Männer nur, wo es unumgänglich war, in den Kreis der Untersuchung gezogen, dass ich sorgfältig gemieden habe, zwischen der Urtheilslosigkeit oder Unredlichkeit derselben eine mir nicht zukommende Entscheidung zu treffen.
Der Gedanke wäre mir zu schmerzlich, dass die unbefleckte Reinheit meines Namens – das Einzige, worauf ich stolz bin – in den Augen Eurer Excellenz gelitten haben könnte. In diesem Sinne allein habe ich es gewagt, Ihre Aufmerksamkeit von wichtigeren Angelegenheiten für eine kurze Zeit durch diese Zeilen abzulenken.
In tiefer und aufrichtiger Verehrung, Herr Graf, habe ich die Ehre, zu zeichnen

Eurer Excellenz

ganz gehorsamster
Dr. Max Büdinger

Wien, 2. April 1859