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Dokument Josef Blazina an einen Professor [Anton Jaksch]1
Salzburg, 10. Juni 1852
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D169
Regest

Josef Blazina, Prof. der Chirurgie an der medizinisch-chirurgischen Lehranstalt in Salzburg, beschwert sich bei einem nicht genannten Kollegen [Anton Jaksch] über den Studiendirektor der Lehranstalt. Dieser behandle ihn ungebührend. Die Ursache für das Benehmen des Studiendirektors sieht er erstens darin, dass Blazina ohne Zustimmung des Direktors ernannt worden sei. Außerdem habe er im Auftrag des Statthalters Friedrich Herberstein Verbesserungsvorschläge für die Anstalt vorgebracht und auf Mängel derselben hingewiesen. Der Studiendirektor erblickte darin offenbar einen Angriff auf seine Autorität. Seither träfen ihn regelmäßig ungerechtfertige Anschuldigungen und die Zusammenarbeit mit dem Studiendirektor sei beinahe unmöglich. Blazina erwähnt schließlich auch, dass sein Einkommen kaum reiche, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie decken zu können. Umso mehr beunruhige Blazina daher das Gerücht, Leo Thun werde zurücktreten. Außerdem fürchtet Blazina, dass seine Versetzung nach Prag nicht zustande kommen werde.

Beilagen, Anmerkungen

Die Schreibung ohne tz bzw. tz anstelle von z scheint eine Eigenart des Schreibers zu sein. In der Transkription wird diese jedoch nicht berücksichtigt.

Schlagwörter
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Transkription

    Hochgeehrter Herr Professor!

    Das baldige Herannahen Ihres sehr gefeierten Namensfestes biethet mir eine erfreuliche Gelegenheit dar, Ihnen meine herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche für Ihr ferneres Wohlergehen sowie für die Erfüllung eines jeden Ihrer Wünsche darzubringen. Nehmen Sie die Versicherung meiner unbegränzten Hochachtung und Dankbarkeit sowie die Bitte mir Ihre Freundschaft und Wohlwollen auch fernerhin zu erhalten gütigst auf.
    Wie glücklich würde ich mich fühlen unter der zahlreichen Menge Ihrer Gratulanten persönlich mit erscheinen zu können, doch das Schicksaal hat es anders bestimmt, und wenn ich nicht irre, so bin ich auch in diesem Jahre ebenso weit von dem Ziele meiner sehnlichsten Wünsche entfernt wie im vergangenen Jahre. Sie werden mich hochgeehrter Herr Professor vielleicht der Undankbarkeit gegen mein eignes Schicksaal beschuldigen, doch glaube ich versichern zu können, daß Sie mir sehr unrecht thun würden, denn ich weiß das Glück meiner ersten, in der That kaum erwarteten Anstellung nur zu gut zu schätzen. Daß ich den innigsten Wunsch hege meine gegenwärtige Stellung zu verlassen, werden Sie gewiß aus den Ihnen bereits mitgetheilten Gründen sehr natürlich finden; leider muß ich gestehen, daß meine Stellung bisher nicht angenehmer geworden, im Gegentheil, ich habe jetzt mit Anfeindungen von Seite meines Direktors zu kämpfen, die ich früher nicht kannte.
    Die Gründe hievon mögen folgende sein.
    1. Hat mich das Cultusministerium ernannt, ohne den Herrn Director zu fragen, was natürlich von einem ungemein ehrgeizigen und dabei doch dummen Menschen stets sehr übel aufgenommen wurde.
    2. Hatte ich das Unglück das Vertrauen des abgetretenen Herrn Statthalters Grafen Herberstein zu besitzen, der mich wiederholt aufforderte, die Mängel der Anstalt zur Sprache zu bringen und die einschlagenden Verbesserungsanträge zu stellen. Ich hielt es für meine Pflicht für das Wohl und Gedeihen einer Anstalt, für die ich im Grunde genommen kein Interesse hege, nach meinem besten Gewissen zu sorgen und stellte sonach Anträge, die ich jederzeit vor Gott und vernünftigen Menschen zu rechtfertigen imstande bin, z. B. die Errichtung einer Aufnahmskanzlei, die Abschaffung des Unfuges, daß die Kranken nicht immer das aus der Küche erhalten, was die Ärzte ordinieren etc.
    3. Könnte ich mich nie entschließen einem Manne die Kur zu machen, dem ich nichts verdanke, dessen Rechtlichkeit ich bezweifle und der außer ungewöhnlicher Borniertheit keinen hervorstechenden Zug in seinem Charakter biethet.
    Diese Umstände zusammengenommen haben bei diesem Manne eine Gereiztheit hervorgebracht, die zuweilen alle Gränzen überschreitet und dies umso mehr, da er in jedem Antrag, eine Verbesserung im Spital vorzunehmen, einen Angriff gegen seine frühere Leistung als Spitalsdirektor erblickt, was umso mehr unbegreiflich ist, da nichts von dem, was da ist, eigentlich ihm seinen Ursprung verdankt, sondern seid undenklichen Zeiten fortbesteht. Soweit ich beobachtet, huldigte er seid jeher einem ganz versumpften Stabilitätsprinzip und fand im Nichtsthun seine vorzüglichste Erholung, denn sonst wären mir seine Klagen, daß ich ihm mit meinen Anträgen so viel zu thun gebe, ganz unerklärlich.
    So gleichgültig mir das Mißfallen von Seite eines Mannes ist, der so ziemlich der allgemeinen Verachtung verfallen ist, so ist es mir doch insofern unangenehm, weil er mich in allen Unternehmungen paralysiert und mir, wo es nur immer thunlich, Prügel vor die Füße wirft. Erlauben Sie hochgeehrter Herr Professor Ihnen einige Beispiele der Art vorzuführen. Gleich im Anfange dieses Schuljahrs kam ich durch den hiesigen Lehrkörper beim Ministerium des Cultus und Unterrichtes ein, mir zu gestatten meine Abendvisitten zu einer mir beliebigen Stunde vornehmen zu dürfen. Abgesehen davon, daß diese Begünstigung, so weit es mir bekannt ist, allen klinischen Professoren der österreichischen Monarchie seid langer Zeit zu Theil wurde, so glaubte ich hierauf einen desto gegründeteren Anspruch zu haben, da ich ohnehin in der Anstalt wohne, demnach jederzeit zu haben bin und überdies alle Nachmittage eine Stunde Vorlesungen halte, und zwar im Winter über Operationslehre und im Sommer über Augenheilkunde. Wenn Sie überdies in gütige Berücksichtigung ziehen, daß ich z. B. im Sommer von 4–5 Uhr Nachmittag Vorlesungen über Augenheilkunde halte und dann von 6–7 Uhr die Abendvisitte, so werden Sie gewiß einsehen, daß hiedurch beinahe meine ganze Nachmittagszeit so zersplittert ist, daß ich fast gar nichts für mich arbeiten kann und daß ich mehr, als es billigermaßen verlangt werden kann, an das Haus gebunden bin. Wenn man endlich nicht übersieht, daß ich selbst an Sonntagen und Feiertagen schon um 6 Uhr abends zu Hause sein soll, um nicht die Abendvisitte zu versäumen, so müßte ich überdies auf jede Erholung und Lebensgenuß vollkommen verzichten. Ich muß gestehen in diesem Punkte habe ich es nie so genau genommen, allein immer mit der Besorgnis über früher oder später einen schriftlichen Verweis zu risquieren. Diese Umstände zusammengenommen haben mich bewogen die obangegebne Bitte zu wagen. Allein wie fruchtlos war mein Bemühen, denn der Studiendirektor wußte es bei der hiesigen Statthalterei (da er gleichzeitig Medizinalrath ist) dahin zu bringen, daß meine Bitte gar nicht an das Cultusministerium abging, sondern unter seiner Regide abschlägig beschieden wurde. Welche Mittel und Wege standen mir nun offen meine Bitte dem Unterrichtsministerium vorzutragen?
    Vor kurzem fand sich der gegenwärtige Statthalterstellvertreter veranlaßt, die Anstalten zu besuchen, und ich führte ihn auch in das sogenannte wirkliche Operationszimmer, um ihm einige meiner Arbeiten zu zeigen. Vor allem bitte ich aber unter diesem Operationszimmer nicht etwa ein Operationszimmer zu verstehen, wie man es anderswo findet, sondern ein vollkommen leeres Zimmer, in dem sich außer 2 alten unbrauchbaren Tischen und einem Kasten, den ich erst machen ließ, gar nichts anderes befindet. Zufällig standen in diesem Zimmer einige meiner Meubelstücke und meine beiden Kinder, die ich dahin nothwendig auf einige Zeit transportieren mußte, da in meiner Wohnung einige Baulichkeiten stattfanden, und ich wegen Mangel an Raum nicht wußte wo andershin damit. Ich glaubte mir mit diesem Zimmer um desto mehr behelfen zu dürfen, da es bisher von allen Professoren benutzt wurde und überdies gar keine Operation zu erwarten stand. Wie wenig übrigens dieses Zimmer benutzt wird, können Sie daraus schließen, daß ich in diesem ganzen Jahr nicht einmal Gelegenheit fand darin zu operieren. Diesen rein zufälligen und überdies mehr als kleinlichen Umstand benutzte derselbe Direktor, der den Statthalterstellvertreter begleitete, um mir einen tüchtigen schriftlichen Verweis zu ertheilen, mit der gleichzeitigen Weisung an die Spitalsdirektion nachzuforschen, ob ich das zur Beheizung dieses Zimmers passierte Holzquantum nicht anderweitig verwendet, und ob es nicht zweckmäßig wäre diese Holzpassierung einzustatten.
    Um meine Rechtfertigung war mir gewiß nicht bange, da ich ebenso wenig hier wie in Prag nur die geringste Schmutzerei begehe, aber schon die Zumuthung, daß ich dies thun könnte, hat mich tief verletzt. Eine Verdächtigung der Art habe ich in meinem ganzen Leben erst hier das erste Mal erfahren. Ich glaube nicht, daß hier Dummheit, sondern vielmehr Bosheit im Spiele war, denn es ist kaum zu begreifen, wie man aus dem obangeführten Umstand den Schluß ziehen konnte, daß ich jenes Zimmer zu meinem Wohnzimmer benütze und sonach meiner Familie von dieser Stubenwärme etwas zukommen lasse, denn die Untersuchung geschah zu einer Zeit, wo die Heizung bereits lange aufgehört hatte. Daß sich meine beiden Kinder in dem Zimmer befanden, geschah allerdings mit meinem Willen, allein ich glaubte dies der Gesundheit meiner Kinder schuldig zu sein, denn meine Wohnung, die bloß aus 4 ganz kleinen Zimmern besteht, ist gerade über der syfilitischen Abtheilung und einer Senkgrube gelegen, wo wir bei jedesmaligem Öffnen der Fenster Gerüche aller Art in den Zimmern erhalten; da ich dies für die Gesundheit meiner Kinder nachtheilig hielt, so gab ich die Erlaubnis, die Kinder zeitweilig gegen Abend in das angeführte Operationszimmer zu führen und alle Fenster zu lüften, besonders bei regnerischen Tagen, wo dieselben ohnehin nicht ausgeführt werden können.
    Ob ich hiedurch den Interessen der Anstalt oder der Wissenschaft nur im Entferntesten entgegengetreten bin, will ich der Beurtheilung eines jeden billigen Menschen überlassen. Den letztern Übelstand habe ich der Statthalterei gegenüber auch zugegeben, jedoch zugleich die Gründe auseinandergesetzt, weshalb dies geschehn und hinzugefügt, daß ich mich für den Fall, daß die Statthalterei mir diesen geringen Vortheil nicht zukommen ließ, genöthiget sehen werde, meine Wohnung in der Anstalt zu verlassen und mir eine andere Wohnung zu miethen, denn dies sei ich dann der Gesundheit meiner Familie schuldig. Ich bedaure sehr Sie hochgeehrter Herr Professor mit solchen Lappalien belästiget zu haben, allein ich fühlte mich hiezu genöthiget, um Ihnen den Beweis zu liefern, daß auch meine ämtliche Stellung nicht die angenehmste ist.
    Meine materielle Lage hat sich gleichfalls nicht verbessert und dies aus Gründen, die ich Ihnen bereits im vergangenen Jahre mitgetheilt habe, mein Einkommen reicht bei der gegenwärtigen extremen Theuerung knapp hin, um unsere Bedürfnisse zu decken.
    Mehr noch als alles Andere beunruhigen mich die sich fortwährend erhaltenden Gerüchte von dem Abtreten des Herrn Ministers Grafen Thun, was ich nicht nur um meinetwillen, sondern auch im Interesse unserer sämtlichen Anstalten bedauern würde.
    Sehr viele Sorgen macht mir überdies auch meine allzu lange Entfernung von Prag sowie die lange dauernde Supplierung des Primariates durch Dr. Czejka, es dürfte meine Concurrenz dann viele Schwierigkeiten haben, doch ich glaube mich hierin ganz auf Ihre zugesagte Freundschaft und Unterstützung verlassen zu dürfen und dies umso mehr, da ich in Hinsicht auf meine Verdienste dem Dr. Czejka gar nicht nachzustehen glaube.
    An Herrn von Helly bitte ich meine ergebenste Empfehlung zu vermelden.
    Ich habe die Ehre mich Ihrer ferneren Freundschaft und Wohlwollen bestens empfehlend zu zeichnen als Ihren ergebnen Diener

    Dr. Blazina

    An die Frau Gemahlin und Frau von Helly bitte ich meinen Handkuß zu vermelden.

    Salzburg, den 10. Juni 1852