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Dokument Cajetan Bissingen an Leo Thun
Schramberg in Württemberg, 22. September 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D285
Regest

Der Statthalter von Tirol, Cajetan Bissingen, kommt der Bitte Thuns nach, ihm einige Informationen über Karl Georg Wächters Verhalten im Jahr 1848 zu verschaffen. Bissingen schreibt, dass er Wächter in der Württembergischen Abgeordnetenkammer kennengelernt habe, dessen Präsident jener war. Wächter war stets regierungsfreundlich, wenngleich er nicht jede Maßnahme der Regierung billigte. Daher genoss er sowohl bei Hof als auch beim Volk hohes Ansehen. Als dann im Jahr 1848 die Opposition – besonders jene von Professoren und Gelehrten – stärker wurde, verdächtigte man Wächter der Servilität. Gleichzeitig fiel er bei Hof in Ungnade, so dass er seine Staatsämter niederlegte und wieder auf seine Professur zurückgekehrte. Ob er tatsächlich, wie das Gerücht besagt, das Amt eines Ministers anstrebte, kann Bissingen nicht sagen. Als Professor habe er jedoch Großes geleistet, als Politiker konnte er nicht immer seine feste Haltung bewahren. Auch in der Frankfurter Paulskirche habe er sich jedoch als entschieden konservativ gezeigt. Bissingen würde eine Berufung von Wächter nach Österreich daher begrüßen. Zuletzt versichert Bissingen dem Minister, dass er sich der Angelegenheit von Karl Dantscher in Innsbruck nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub annehmen werde.

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Transkription

    Hochgeborner Graf!

    Eurer Exzellenz vertrauliche Frage wegen Wächters Benehmen im Jahre 1848 beehre ich mich in folgendem zu beantworten.
    Wächter war damals, und zwar schon seit mehreren Jahren, Praesident der Würtemberg'schen Abgeordnetenkammer und hatte sich auch als solcher einen Ruf erworben. Als Mitglied dieser Kammer hatte ich Gelegenheit, ihn näher kennen zu lernen und ich bewunderte mit Vielen seine Gabe der Leitung, insbesondere die ihm ganz eigene Gabe, die schwierigsten verwickelsten Debaten mit großem Scharfsinne in wenigen ganz einfachen Fragepunkten zur Entscheidung zu bringen. Er war stets regierungsfreundlich gesinnt (im eigentlichen Sinne des Wortes, aber nicht in jenem, als ob er mit einzelnen Regierungsmaßregeln sich immer und unbedingt einverstanden erklärt und gerade mit allen Regierungsorganen sympathisirt hätte). Sein eminenter Geist, sein tiefes Wissen, seine gefälligen Formen machten ihn in allen Kreisen der Gesellschaft beliebt und auch bei Hof war er stets sehr gerne gesehen.
    Das Jahr 1848 konnte den Praesidenten einer Kammer nicht unberührt lassen. Die nun immer weiter und weiter gehende Oppositionspartei, die auch in Würtemberg so manche Gelehrte und Professoren zählte, verdächtigte ihn der Servilitaet, während gerade die nähere Stellung zu seinen eigentlichen Berufscollegen, mit denen er theilweise auf freundschaftlichem Fuße stand, so wie seine nun etwas schwankende Haltung als Kammerpraesident ihm die Gunst des Hofes entzog, wenigstens schien es, daß der Hof damals ihn nicht mehr mit der frühern Auszeichnung beehrte, ihm nicht mehr das frühere Vertrauen schenkte.
    Wenn die Wahl eines andern Kammerpraesidenten im Jahre 1848 wohl in der Natur der Sache lag, so mag die veränderte Stellung zum Hofe Wächter, dessen Ehrgeitz durch eine mehr hervorragende soziale Stellung geschmeichelt sein mochte, ihn wesentlich zum Austritte aus dem Staatsdienste (als Kanzler der Universität Tübingen) veranlaßt haben.
    Zunächst schien nach dem damaligen Gerüchte Wächters Betheiligung an den Vorverhandlungen über den Wechsel des Ministeriums die Ungnade bei Hofe ihm zugezogen zu haben. Er sei damals vom Prinzen Friedrich ins Vertrauen gezogen worden und das Publikum verdächtigte ihn selbst des Strebens nach einem Portefeuille. Was an diesem Gerede, deren gerade in jener bewegten Zeit so viele waren, Wahres gewesen, weiß ich nicht, aber allgemein war die Ansicht, er habe am klügsten gethan, wieder ganz zur Professur rückzukehren, in welcher er Ausgezeichnetes geleistet habe und Ausgezeichnetes leisten werde, während er in einer politischen Stellung wie jene eines Kammerpraesidenten des Jahres 1848 offenbar nicht die gehörige Festigkeit in seiner ganzen Haltung beobachtete.
    Deßhalb lassen sich aber seine politischen Ansichten und Grundsätze nicht in Verdacht ziehen, was er denn auch als Mitglied des Fünfziger Ausschußes in Frankfurt, wo er entschieden zur conservativen Partei, <wenn gleich auch er eine deutsche Einheit damals gewünscht haben mag,>1 gehörte, bewährte. Uebrigens soll sich später auch das Verhältniß Wächters zum Würtembergischen Hofe wieder ausgeglichen haben.
    Ich könnte Wächters Acquisition in den beiden bezeichneten Fächern für Oesterreich nur eine glückliche nennen. Er ist eine Autorität, ein Mann von ehrenhaftem Charakter und loyalen Ansichten. Als praktischer Staatsmann wäre er weniger am Platze.
    Nachweise für diese Notizen wüßte ich keine anzudeuten als die gedruckten Würtemberg'schen Kammerverhandlungen incl. des Jahres 1848.
    Wie ich vom Urlaube zurückgekehrt sein werde, werde ich mir Dantschers Lokalitäten Desiderium ganz besonders angelegen sein lassen.
    Genehmigen Ew. Exzellenz die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.

    Eurer Exzellenz

    ergebenster
    Bißingen

    Schramberg in Würtemberg, 22. September 1854