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Dokument Cajetan Bissingen an Leo Thun
Wien, 14. Mai 1852
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D167
Regest

Der Statthalter von Tirol, Cajetan Bissingen, berichtet Leo Thun über den Lateinunterricht am Gymnasium in Innsbruck. Dort werde nämlich in der fünften Klasse das Werk des Titus Livius vollständig gelesen. Darunter befänden sich allerdings auch Textstellen, welche Schülern in diesem Alter nicht zugemutet werden sollten. Bissingen fühlt sich daher verpflichtet, Thun den Sachverhalt mitzuteilen. Außerdem werde er die Landesschulbehörde anweisen, die Sache zu untersuchen und den Lehrer zur Rechenschaft zu ziehen.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Übersetzter Auszug aus dem 57. Kapitel des "Titus Livius"

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
License eXist-db

Transkription

    Hochgeborner Graf!

    Ich hatte mir erlaubt Euerer Exzellenz neulich darauf aufmerksam zu machen, daß gegenwärtig in den Gymnasien auf das pädagogische Moment zu wenig Werth gelegt, die Erziehung der jungen, großentheils noch dem Knabenalter angehörigen Leute außer Acht gelegt werde.
    Einen traurigen Beleg hiefür bietet mir eine soeben aus Innsbruck aus verläßlicher Hand erhaltene Mittheilung.
    In der fünften Klasse wird Livius mit den Schülern vorgenommen, leider aber ohne irgendeine Ausscheidung des Stoffes. Wahrscheinlich glaubt der betreffende Gymnasiallehrer, sich zu buchstäblich an die höheren Weisungen haltend, daß ein Classiker nicht verstümmelt werden dürfe, wodurch die Auffassung seiner besonderen Ausdrucksweise verloren gehen würde. Und so ward letzthin die in Abschrift hier beiliegende Stelle aus Livius, welche die Schändung Lucretias durch Sextus Tarquinius in sehr unverblümter Weise bespricht, wörtlich in der Schule übersetzt!1 Die fünfte Klasse gehört zwar zum Obergymnasium, aber die Schüler derselben sind nicht viel mehr als Knaben, deren Unschuld und Reinheit des Herzens jedem Lehrer heilig sein, deren Phantasie nicht zu früh aufgeregt werden soll. Was nützt es gewissenhaften Eltern, denen eine religiös sittliche Bildung ihrer Söhne am Herzen liegt, diese mit aller Sorgfalt zuhause zu überwachen und von bösen Eindrücken zu bewahren, wenn die Kinder in der öffentlichen Schule Dinge erfahren, die sie noch lange nicht erfahren sollten. Nicht übel könnte man es ihnen deuten, wenn sie ihre Söhne von den öffentlichen Studien zurückzögen.
    Ich halte mich für verpflichtet, Euerer Exzellenz hievon vorläufig Anzeige zu erstatten. Gleichzeitig weise ich aber die Landesschulbehörde an, die Sache genau zu erheben, den betreffenden Gymnasiallehrer zur Rechenschaft aufzufordern und mit aller Strenge darauf zu drängen, daß solcher Skandal in Zukunft nicht mehr stattfinde.
    Indem ich mir vorbehalte, den hierüber von der Landesschulbehörde abverlangten Bericht Euer Exzellenz nachträglich vorzulegen, bitte ich den erneuerten Ausdruck der ausgezeichneten Hochachtung zu genehmigen, womit ich geharre

    Euer Exzellenz

    ergebenster
    Bißingen

    Wien, den 14. Mai 1852

    Aus Titus Livius 57. Kapitel
    Auszug

    Der Römerkönig, durch den Prachtaufwand bei öffentlichen Bauten erschöpft, wollte das sehr reiche Ardea erobern, um durch dessen Beute die Gemüther der aufgebrachten Bürger zu besänftigen. Nach fehlgeschlagener Erstürmung fing man an es zu belagern. Die Königssöhne vertrieben sich die Langweile mit Gastgelagen und Nachtschwärmereien. Als sie einmal so zechten, fiel die Rede auf die Frauen und da jeder die Seine lobte, so wollte man erfahren, wie weit Lucretia die andern übertreffe. Man ritt also nach Rom. Als sie dort beim ersten Dunkel ankamen, fanden sie die königlichen Schwiegertöchter bei Gastmahl und Lustbarkeit. Von hier nach Collatia gekommen trafen sie aber des Collatiners Tarquinius Gattin Lucretia bei Wollarbeit. Des weiblichen Wettstreites Preis erhielt also Lucretia. Der Gatte als Sieger lud die königlichen Jünglinge höflich ein.

    Wörtliche Übersetzung

    Hier kam dem Sextus Tarquinius die schnöde Gelüstung an (libido) die Lucretia mit Gewalt zu schänden (stuprandae, Noth zu züchtigen), sowohl ihre Schönheit als die bewährte Keuschheit reizten ihn. Doch diesmal kehrten sie von ihrem nächtlichen Jugendspiele in das Lager zurück.
    Kapitel 58. Nach einigen Tagen kam Sextus Tarquinius ohne Wissen des Collatinno nach Collatia. Hier wurde er, ohne daß man seine Absicht erkannte, gütig aufgenommen. Als er nach dem Abendessen in das gastliche Schlafzimmer geführt ward, so kam er, da ihm alles ringsum völlig sicher und Jedermann fest zu schlafen schien, von Liebe glühend mit gezücktem Schwerte zur schlafenden Lucretia, drückte die linke Hand dem Weibe auf die Brust und sagte: „Schweig Lucretia! Ich bin Sextus Tarquinius. Das Mordgewehr ist in meiner Hand! Du mußt sterben, wenn du einen Laut von dir gibst.“ Da das Weib vom Schlafe aufgeschreckt keine Hilfe nur den Tod vor Augen sah, so bekannte Tarquinius seine Liebe, er bat und flehte und durfte wieder und wandte das weibliche Herz nach allen Seiten hin. Als er sie aber standhaft und selbst bei der Todesfurcht unerschütterlich sah, so fügte er zur Furcht noch die Unehre hinzu: Er wolle neben ihre Leiche einen erwürgten Sklaven nackt hinlegen, damit man sage, sie sei im schimpflichen Ehebruche ermordet worden. Nachdem durch dieses Schreckmittel die Gelüstung als vermeintliche Siegerin die unerschütterliche Keuschheit besiegt hatte, und hernach Tarquinius stolz auf die eroberte Ehre des Weibes abgereist war, schickte Lucretia betrübt über ein solches Unglück einen Boten zugleich an den Vater nach Rom und nach Ardea zum Gatten. (Sie kommen mit noch andern an und treffen Lucretia im Schlafzimmer betrübt sitzen.) Bei der Ankunft der Ihrigen brach sie in Thränen aus und auf die Frage des Mannes, ob sie sich nicht wohl befinde?, sagte sie: „O nein! Wie kann sich ein Weib wohl befinden, wenn sie die Ehre der Keuschheit verloren hat! Mein Collatinno! Die Spuren eines fremden Mannes sind in deinem Bette. Übrigens ist nur der Körper geschändet, die Seele ist unschuldig. Der Tod wird meine Zeuge sein. Aber gebt mir Hand und Wort darauf, daß es dem Ehebrecher nicht ungestraft hingehen soll. Sextus Tarquinius ist es, der als Feind nicht als Gastfreund in der vorigen Nacht mit Gewalt bewaffnet, eine mir und – wenn ihr Männer seid – ihm verderbenbringende Freude von hier mit hinweg genommen hat.“
    Nachdem sie die Ihrigen getröstet und entschuldiget hatten wegen der Gewaltthat, stieß sie sich einen verborgenen Dolch ins Herz und auf die Wunde vorsinkend fiel sie sterbend nieder.