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Dokument Bemerkungen über den Lateinunterricht an den Gymnasien von Karl Schenkl
o. O., o. D. [1858]1
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D481
Regest

Der Gymnasiallehrer Karl Schenkl legt in diesem Memorandum seine Überlegungen zur Situation und zur Aufgabe des Lateinunterrichts in Österreich dar. Insbesondere die schriftlichen Leistungen der Schüler seien aus seiner Sicht derzeit ungenügend. Diesem Missstand müsse abgeholfen werden, indem sämtliche Ursachen ausfindig gemacht und behoben würden. Schenkl betont dabei, dass die Lehrer allein nicht die Schuld an der Misere trügen. Schenkl schildert, dass die Schüler der ersten und zweiten Klasse gute Fortschritte erzielten, während in der dritten und vierten Klasse, in denen die lateinische Syntax durchgenommen wird, vielfach Probleme aufträten. Daher gibt er einige Vorschläge zur Verbesserung des Lateinunterrichts in diesen Klassen. Er schlägt vor, die Anzahl der schriftlichen Arbeiten zu vermehren, die Stundenzahl des Lateinunterrichts um eine Stunde pro Woche zu erhöhen sowie neue Lehr- und Übungsbücher einzuführen. In diesem Zusammenhang bespricht Schenkl auch die Eignung der derzeit in den Gymnasien verwendeten Schulbücher. Schenkl ist sich sicher, dass die Schüler mit den vorgeschlagenen Reformen nicht überlastet werden würden.

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    Der lateinische Unterricht

    Es ist eine durchaus nicht zu läugnende Thatsache, daß der lateinische Unterricht an unseren Gymnasien nicht diejenigen Früchte trägt, welche man von ihm zu erwarten berechtigt ist. Die Schuld davon den Lehrern allein aufbürden wollen, würde sehr unbillig sein, umso mehr als diese Bemerkung auch von denjenigen Lehrern gemacht wird, welche keine Mühe scheuen und an die Erfüllung ihres Berufes selbst ihr Leben setzen. Die mündlichen Leistungen befriedigen; die Schüler werden im Ganzen genommen leichtere Stellen, die sie noch nicht gelesen, frischweg übersetzen und interpretiren können; aber die schriftlichen Leistungen der größeren Anzahl der Schüler sind unvollkommen und können selbst in den obersten Klassen noch keinen Anspruch auf ordentliche grammatische Correktheit machen. Es ist dies um so mehr zu bedauern, als dadurch den Gegnern des Organisationsentwurfes eine Waffe in die Hand gegeben wird, der sie sich trefflich zu bedienen wissen. Da diejenigen Schüler, welche in die Theologie eintreten wollen, bei der Aufnahme einen freien Aufsatz in lateinischer Sprache anfertigen müssen, so hat man Gelegenheit genug derlei Beobachtungen zu machen. Und ich muß selbst gestehen, daß unter derlei Arbeiten, welche ein ganz einfaches Thema z. B. die Kreuzigung Christi behandelten, nicht wenige waren, welche in jeder Hinsicht unvollkommen waren. Es ist daher vor allem nothwendig, daß diesem Übelstande abgeholfen werde. Fragen wir vor allem nach der eigentlichen Ursache des Übels, vielleicht dürfte diese bald zu beheben sein.
    Die Schüler der prima und secunda machen gewöhnlich sehr gute Fortschritte, so daß nichts zu wünschen übrig bleibt. Ich selbst habe vor zwei Jahren eine eben nicht besonders talentirte Classe gehabt, in welcher unter 50 Schülern durchschnittlich 15 Schüler ihre schriftlichen Prüfungen in der Schule – und ich gab nicht leichte – ohne Fehler arbeiteten. Gleichen und noch besseren Erfolg haben andere Lehrer erreicht. Berechtigen nun die Leistungen der Schüler in prima und secunda zu guten Hoffnungen, so muß man sich verwundern, wenn sich nun in tertia und quarta ein offenbarer Rückschritt zeigt; und daß eben in diesen Classen für Hebung des lateinischen Unterrichtes etwas geschehen muß, darüber kann Niemand zweifelhaft sein. Es sind dies die Classen, in welchen die lateinische Syntax ordentlich durchgenommen wird; wird hier etwas versäumt, so bleiben die nachtheiligen Wirkungen und es wird sehr schwer sein den Schaden, der sich hier eingenistet, im Obergymnasium zu entfernen. Also in diesen Classen muß etwas für die Hebung des lateinischen Unterrichtes geschehen und zwar nach meiner Meinung dadurch, daß man 1. die schriftlichen Arbeiten in dieser Classe vermehrt, so daß wöchentlich zwei schriftliche Arbeiten gegeben werden, 2. die dem lateinischen Unterrichte zugewiesene Stundenzahl wöchentlich um eine Stunde erhöht, 3. entsprechende Lehrbücher für den lateinischen Unterricht einführt, insbesondere aber ein entsprechendes Übungsbuch. Ad 1. Ich weiß wohl selbst recht gut, daß die bloße Menge der schriftlichen Aufgaben für sich noch nichts entscheidet; aber in diesen beiden Classen dürfte eine solche angestrengte Übung gerade am Platze sein; dadurch gelänge es, den Schüler zu einer solchen Vertrautheit mit den syntaktischen Regeln zu bringen, daß er sie als sein volles Eigenthum besäße. Ist dies einmal erreicht, dann wird im Obergymnasium alles das erreicht werden, was der Organisationsentwurf verlangt, während man sonst noch immer den alten Sauerteig zu kneten hat. Diese Aufgaben müssen aus dem entsprechenden Übungsbuche gegeben werden, dessen Einrichtung ich weiter unten näher besprechen will. Dazu müßte eine ordentliche Schulcorrektur hinzukommen, die nach meinen Erfahrungen und denen anderer das Beste wirkt. Nachdem die häusliche Correctur beendet, wird das Pensum in der Schule ordentlich durchgenommen, die Fehler, welche sich besonders eingestellt, werden besprochen, jeder Schüler kann dabei über das, was ihm unklar ist, fragen, der zweckmäßige Gebrauch eines Lexikon, der Grammatik und dgl. wird dabei dem Schüler nachgewiesen usw. Diese Stunden kann ich unbedenklich zu den fruchtbringendsten des lateinischen Unterrichtes rechnen. Solche Stunden wünschte ich wöchentlich zwei im lateinischen Unterrichte und daher wünschte ich ad 2. die Stundenzahl in diesen beiden Klassen von 6 auf 7 Stunden erhöht. Man könnte unbedenklich eine der drei Stunden des deutschen Unterrichtes dazu verwenden, was gegenwärtig, da die meisten Gegenstände in den unteren Classen in einer Hand sind, ohnehin meistens geschieht; über den deutschen Unterricht in den unteren Klassen ließe sich ohnehin viel schreiben, was ich mir für ein andermal aufspare. Im Ganzen läßt sich so viel behaupten, daß er sowie der sogenannte Anschauungsunterricht oft nicht viel mehr als ein Vertändeln der Zeit ist. Ad 3. Die für den lateinischen Unterricht vorgeschriebenen Übungsbücher erfüllen nicht ganz ihre Bestimmung. Wir haben eine Grammatik für das Untergymnasium, die zu klein ist, und eine für das Obergymnasium, die zu groß ist. Ich bin gewiß einer derjenigen, die die Verdienste der Schultz’schen Grammatik2 anerkennen, aber ich muß aufrichtig gestehen, daß die kleine Schultz’sche Grammatik in Beziehung auf Stoff, Beispielsammlung und dgl. für die 3. und 4. Classe nicht ausreicht. Sie ist auch für diese Classen durchaus nicht geschrieben, sondern eine ganz schlechte Elementargrammatik. Wir haben ferner neben ihr in der I. und II. die vielfach anders angeordnete Dünnebier’sche Formenlehre3. Die größere Schultzische Grammatik4 ist zu weitläufig und auch zu theuer, so daß sie sich gegenwärtig nur in wenigen Händen befindet. Das sind gewiß große Übelstände. Abhelfen läßt sich nur dadurch, daß eine Grammatik für das ganze Gymnasium verfaßt wird, welche besonders die am Gymnasium gelesenen Autoren berücksichtigt. Daneben könnte ein Elementarbuch für die I. und II. bestehen, welches im genauen Anschluße an diese Grammatik bearbeitet wäre; dieses Buch könnte auch einen sehr kurzen Abriß der Syntax mit entsprechenden Übungsstücken enthalten, der im II. Curse der II. durchgenommen werden könnte. Das würde natürlich die Lectüre der III. recht fruchtbringend machen. Doch alle diese Übelstände lassen sich, wie ich aufrichtig gestehe, durch ein geschicktes Vorgehen von Seite des Lehrers noch so ziemlich paralysiren, nicht so aber der Umstand, daß wir kein entsprechendes Übungsbuch haben. Die Süpfle’schen Bücher5 sind an und für sich trefflich und besonders mit vielem Geschmack zusammengestellt, aber sie sind für uns nicht entsprechend. Der erste Band behandelt die Casuslehre und einige Theile der Moduslehre; da enthält nun ein solches Kapitel öfters ein Beispiel über gaudeo und nun ist alles abgethan. Kann man dies ein Übungsstück nennen? Der größte Theil der Moduslehre ist im zweiten Theile behandelt; folglich muß der Lehrer denselben schon in der quarta benützen; für Schüler dieser Classe aber ist der größte Theil der daselbst gegebenen Übungsstücke zu schwer und daher nicht recht brauchbar. Ich will hier meine Meinung aussprechen, wie ein Übungsbuch für diese beiden Classen construirt sein sollte. Es müßte, wie das Krebs’sche Buch6, ganze Capitel einzelner Sätze enthalten, welche die einzelnen Regeln zur Anwendung brächten; diese Kapitel könnten gleich in der Schule, nachdem die Regel erklärt worden ist, durchgenommen werden. Daneben müßten natürlich zusammenhängende Übungsstücke gegeben werden, welche dann mehrere Fälle zugleich in Anwendung brächten; da man nun bei solchen nicht ängstlich nach diesem oder jenem Worte fischen müßte, so wäre für die Natürlichkeit und Einfachheit solcher Übungsstücke vieles gewonnen. Ich habe früher gesagt, daß der lateinische Unterricht im Obergymnasium gewiß gute Fortschritte machen würde, wenn nur der Unterricht in der III. und IV. gehoben würde. Noch ein Übelstand bleibt zu erwähnen, daß nämlich die Maturitätsprüfungen, wenn sie, wie dies bisher geschieht, in Mathematik, Physik und Geschichte die extremsten Forderungen der Detailkenntnisse geltend machen, die Früchte des lateinischen und griechischen Unterrichts in den obersten Classen fast vernichten. Doch davon ein andermal. Noch muß ich aber eines Einwurfes gedenken, der mir vielleicht gemacht werden könnte, nämlich: „wenn eine Vermehrung der schriftlichen Aufgaben nothwendig ist, so bedarf es keines besonderen Erlaßes, das kann ja der Lehrer selbst machen“. Darauf muß ich erwidern: Der Lehrer darf jetzt gar nichts mehr machen; die Schulräthe haben ihm die Hände so gebunden, daß er sich gar nicht rühren kann. So müssen jetzt gegenwärtig die Schüler ihr Pensum mit einer fortlaufenden Zahl bezeichnen und den Tag, an welchem es aufgegeben und an welchem es abgegeben wurde, notieren, damit natürlich der Schulrath den Lehrer controlliren kann. Ich würde es nach dem Erlaße über die Überbürdung der Schüler keinem Lehrer rathen, die vorgeschriebenen Grenzen irgendwie zu überschreiten oder dazu nur den Vorschlag machen zu wollen. Überhaupt hat nichts so schädlich gewirkt als die Weise, wie der genannte Erlaß gedeutet und ausgeführt wird. Die eifrigen Lehrer sind dadurch eingeschüchtert und die faulen haben einen Punkt gewonnen, auf welchen sie sich stützen können. Ich habe selbst mit eigenen Ohren gehört, wie ein Lehrer nach Bekanntmachung dieses Erlaßes sagte: „Ich habe bisher alle 14 Tage ein Gesetzel aus Süpfl aufgegeben; jetzt gebe ich nur ein halbes.“ Und wo bestand denn eigentlich die Überbürdung, welche man in diesem Erlaße so hervorhebt? Wer hat denn geklagt? Schüler oder etwa Eltern derselben? Wenn dies der Fall ist, so kann ich mir die Sache recht gut erklären; aber wie es mit solchem Geklätsche steht, dafür stehen mir Beispiele zu Gebote, welche die traurige Überzeugung geben, daß in vielen selbst angesehenen Familien die gleichgültigste häusliche Bequemlichkeit mehr Werth hat als die nothwendigste Pflicht gegen die Schule. Das ist, wie sehr begreiflich, nicht eben dem Gedeihen des Unterrichtes förderlich; das Publikum weiß von diesem Erlaße und ist nur ein Lehrer da, welcher seine Schüler ordentlich anhält, so sagt man, er überbürdet die Schüler und verklagt ihn, wenn es geht, alsogleich. Die Leute glauben an diesem Erlasse eine Waffe zu haben, die sie nach Belieben gegen den Lehrer kehren können. Das ist freilich ein sehr bedauerungswerther Zustand. Die Controlle der Schulräthe äußert sich, wo es nur geht; bei den Maturitätsprüfungen müssen die Lehrer Fragezettel auflegen, welche die Schüler ziehen; die Schüler wissen recht gut, gegen wen diese Kontrolle gerichtet ist; das mindert aber Achtung und Vertrauen der Schüler gegen die Lehrer. So müssen die Lehrer auf einzelnen Bögen verzeichnen, was sie in jedem Monate genommen haben, damit der Schulrath auch dies controlliren kann; sie müssen am Ende eines jeden Curses einen Bericht über die Classe und die Methode, nach welcher sie vorgegangen, einliefern und dgl. mehr; das sind alles unnütze Schreibereien, leere Formeln, denen alles geistige Leben fehlt. Über die ganz jämmerliche Art und Weise unserer Classification werde ich nächstens schreiben.