Titel des Dokumentes Anzahl der Treffer Vorschau/Dokument-ID
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Anton Jaksch an Leo Thun Prag , 16. Juli 1854 Anton Jaksch an Leo Thun, Prag, 16. Juli 1854 Digitale Edition der Korrespondenz von Leo von Thun-Hohenstein 1

… Seitdem auch bearbeite ich jedes Jahr einen neuen Abschnitt meiner Wissenschaft, den ich zur allseitigen Bildung meiner Schüler vortrage; so hielt ich im vorigen und vorvorigen Jahre Vorträge über medicinische Geographie, die Krankheitsverbreitung über den Erdball und die bisher nachweisbaren Gesetze hiefür; ferner über die wichtigsten epidemischen Krankheiten, ihre Geschichte, Entstehung, Wesen usw.; Vorträge die, wenn sie auch nur 1–2mal wöchentlich gehalten wurden, doch alle meine freie Zeit absorbirten, wenn ich das so große für eine kurze Arbeit zu Gebote stehende Material erschöpfen wollte. So habe ich fürs nächste Semester Vorträge über die Größen in meiner Wissenschaft aus den verschiedenen Zeitaltern, zunächst über Morgagni angekündigt. Es ist eine tüchtige Aufgabe, das große Werk und den Geist dieses Mannes in etwa 30 Vorlesungen zu bringen, doch ich hoffe es zu bewerkstelligen und damit die in der Jugend so sehr erloschene Ehrfurcht vor dem Alten wieder zu wecken; überdieß will ich meine Hörer zwingen, lateinisch verstehen und sprechen zu lernen, denn wahr ist es, daß ich nur selten von Studierenden, die ich am Krankenbette lateinisch anrede, z.B. bei Stellung der Prognose, überhaupt eine lateinische Antwort, umso weniger eine gute erhalte. Bedenken Euer Excellenz ferner, daß ich auch sonst meine freie Zeit den Studierenden widme, indem ich jedes Einzelnen Arbeiten, i.e. Krankengeschichten, durchgehe, korrige [sic!], lobe, tadle, als unbrauchbar zurückweise und umarbeiten lasse, um hiedurch, wenn es noch möglich ist, ihren Fleiß und ihren Ehrgeiz zu wecken. Wie sehr ich durch diese Maßregel und die examinatorische Methode am Krankenbette den großen Nachtheilen der Lernfreiheit gesteuert, den Eifer bei vielen geweckt, wieder Ordnung und Genauigkeit in ihre Arbeiten gebracht habe, darüber authentische Belege zu erhalten, dürfte Euerer Excellenz nicht schwer seyn. Hiedurch wird es erklärlich, warum die Schüler der praktischen Medicin nicht selten wieder Anatomie usw. betreiben, weil sie da erst die Nothwendigkeit fühlen, in diesen Fächern gründliche Kenntnisse zu haben, und leider zu spät bereuen, in den ersten Jahren der Medicin nicht fleißiger gewesen zu seyn. Ich gestehe Euerer Excellenz, daß ich in diesem Jahre mit Freude Lehrer war und nur deshalb kaum erholt von meiner schweren Krankheit, auf die Gefahr eines Nachübels hin, die Klinik wieder übernommen habe. Mit einiger Freude sah ich die Schüler sich willig meinen Maßregeln fügen, die sie zu brauchbaren, dem Staate nützlichen Ärzten machen sollen, und wenn ich auch hie und da auf Renitenz stieß, so vermochte ich diese leicht zu beseitigen, da keine Möglichkeit bestand, mich, den für den klinischen Unterricht allein Verantwortlichen, zu umgehen. Soll ich nun im künftigen Jahre deshalb, weil ich einen Rivalen habe, abgehen von dem eingeschlagenen Wege der Strenge und Ordnung, überhaupt abgehen von dem, was ich für gut und segensreich halte und an den Studierenden bereits erprobt habe, soll ich vielleicht durch Nachsicht und Leichtfertigkeit um die Gunst der Schüler buhlen?…

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